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Big Gesellschaftstheorie

Ohne “Big Gesellschaftstheorie” werden uns die Großen Daten nur schwerlich von Nutzen sein / Von Gerald Fricke

Daten zu sammeln, Software nach Mustern suchen zu lassen und anschließend aus den Ergebnissen die richtigen Schlüsse zu ziehen, das ist, verkürzt gesagt: „Big Data“. Als Marketingschlagwort hat Big Data mittlerweile den Durchbruch in die öffentliche Diskussion geschafft und die Nische der Technologieexperten verlassen, bis hinein in die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften: Gary King (2011), der Direktor des Harvard-Instituts für Quantitative Soziologie, sieht in den Verknüpfungen der großen Daten die Zukunft der Social Sciences. Ist damit wissenschaftliche Theoriebildung erledigt? Ich finde nicht.

Harald Staun (2104) fasst diesen neuen alten Glauben an die Macht der „großen Daten“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gut zusammen: „Wenn man erst einmal die unbewussten Entscheidungsmuster der Menschen versteht, so hoffen Datenwissenschaftler und Soziologen, lässt sich die Gesellschaft in all ihrer Komplexität verstehen. Wer sie verbessern will, muss dann nur noch wie ein Ingenieur an den entsprechenden Reglern drehen.“ Der Nutzen solcher Daten scheint auf der Hand zu liegen — solange es darum geht, soziale Systeme auf die Bedürfnisse der Menschen einzustellen. Die Gefahr einer datengetriebenen Gesellschaft ist aber, dass sie auf die umgekehrte Konsequenz hinausläuft: dass man das Verhalten der Menschen so designt, dass sie innerhalb der Systeme besser funktionieren. Mit „Nudge“-Praktiken, so Staun, kann man womöglich Menschen zum Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel bewegen, an verspäteten Zügen ändern sie aber nichts.

Und weiter: „Was die Sozialphysiker völlig ausklammern, sind vor allem die eigenen Voraussetzungen und Ziele. In welche Richtung ein Staat seine Bürger schubsen sollte, welche Werte und Interessen er fördern oder aufgeben sollte, das lässt sich eben nicht aus Daten auslesen (…). Dass es für Arbeitslosigkeit, Armut, Gewalt oder Rassismus auch Ursachen gibt, nicht nur Umstände, interessiert die Verhaltensdesigner kaum.“ Damit benennt Staun den Kern von reinen Problemlösungs-Ansätzen in Politik und der Wissenschaft, die auf die Zauberkraft der „großen Daten“ setzen.

Was hilft? Ich meine: Kritisch-dialektisches Denken! Die Kritische Theorie wendet sich, stark verkürzt dargestellt, gegen eine Wissenschaft, die versucht, im Rahmen einer vorgegebenen Ordnung allgemein gültige Aussagen in Form von Gesetzen zu formulieren — und damit zur Legitimation bestehender Gesellschafts- und Herrschaftsverhältnisse beiträgt. Der vorgegebene gesellschaftliche Zustand werde damit zum falschen Absoluten; der Positivismus gerate zur alternativlosen Bestätigung dessen, was der Fall ist: „Der Triumph der subjektiven, formalisierten Vernunft ist auch der Triumph einer Realität, die dem Subjekt als absolut, überwältigend gegenübertritt“, so Max Horkheimer (1968, 201).

Eine moderne Problemlösungstheorie akzeptiert die Welt so, wie sie ist, nimmt sie umstandslos als Startpunkt der empirischen Analyse an — mit ihren bestehenden sozialen Beziehungen und Institutionen als Handlungsrahmen. Das Hauptziel besteht darin, diese Beziehungen und Institutionen effizienter zu gestalten, nicht, sie in Frage zu stellen. Bestimmte Detailprobleme werden nur innerhalb des Handlungsfeldes oder Systems behandelt, in dem sie entstehen. Wir können zum Beispiel als politische Datenscouts versuchen, sämtliche Tweets im Laufe einer Bundestagswahl auszuwerten und daraus bestimmte Prognosen über den Ausgang der Wahl zu treffen, aber damit machen wir noch keine andere oder bessere Politik.

Was bedeutet das? Wenn wir über das Web und die Gesellschaft nachdenken und versuchen, darüber allgemein gültige Aussagen zu formulieren, dann lässt sich dieses, unser Nachdenken nicht trennen von dem Gegenstand unserer Betrachtung und dem großen Ganzen.

Wir könnten versuchen, Big Data nicht als quasi objektives gesellschaftliches Absolutum zu verstehen. Eine kritische Theorie nimmt Institutionen und soziale Machtverhältnisse nicht als gegeben an, sondern untersucht deren Wandlungsfähigkeit. Diese Wandlungsfähigkeit fordert auch das Wissen und die Wissenschaft heraus.

Zum einen wird das traditionelle Wissen — und das, was „Wissen schafft“ — durch die Allgegenwart von verfügbaren Daten herausgefordert. David Weinberger schreibt dazu: „Das neue Medium des Wissens ist … weniger ein System zur Veröffentlichung von Aufsätzen oder Büchern, sondern eine vernetzte Öffentlichkeit. Vielleicht können wir mithilfe der Data Commons neues Wissen produzieren, allerdings wird dieses Wissen dann eher die Form einer permanenten Diskussion annehmen“ (Weinberger 2013, 236 f.).

Wir werden nicht umhin kommen, auch vor dem Hintergrund des dunklen Szenarios einer datengetriebenen Totalüberwachung, eine gesellschaftliche Debatte über unseren Umgang mit den großen Daten zu führen. Laut dem Soziologen Dirk Baecker ließen sich Konzepte wie „Kultur“ oder „Gesellschaft“ trefflich als Metadaten verstehen. Die wichtigste Eigenschaft eines Metadatums besteht darin, dass es zugleich ein Datum ist. Wir bräuchten, so Baecker, eine „ (…) Diskussion mit Mathematikern und Informatikern darüber, wie Gesellschaftstheorien aussehen, die den Zusammenhang von Daten und Metadaten explizieren und variabilisieren können“ (Baecker 2013, 164).

Wenn wir uns auf diese Sichtweise einlassen, dann erscheint „Big Data“ als Datum des Metadatums Gesellschaft — mit vielfältigen Auswirkungen auch für die wachsende Bedeutung der Wirtschaftswissenschaften und der Wirtschaftsinformatik als Mittler zwischen unterschiedlichen unternehmerischen Interessen und neuen gesellschaftlichen Anforderungen. Zum Beispiel über die Frage, was unternehmerischen „Erfolg“ in der vernetzten Welt tatsächlich ausmacht. Ohne Big Gesellschaftstheorie werden uns die Daten dabei nur schwerlich von Nutzen sein.

Literatur

Baecker, Dirk, 2013: Metadaten. Eine Annäherung an Big Data; in: Edition Unseld (Sonderdruck): Big Data. Das neue Versprechen der Allwissenheit. Berlin 2013 (Redaktion: Heinrich Geiselberger, Tobias Moorstedt), 156–187.

Horkheimer, Max, 1968: Kritische Theorie der Gesellschaft, 3 Bde, o. O., Bd. 3.

King, Gary, 2011: Ensuring the Data Rich Future of the Social Sciences, Science 331, no. 11 February: 719–721.

Staun, Harald, 2014: Data & Social Physics. Wie wir gerne leben wollen; in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 07.09.2014.

Weinberger, David, 2013: Die digitale Glaskugel; in: Edition Unseld (Sonderdruck): Big Data. Das neue Versprechen der Allwissenheit. Berlin 2013 (Redaktion: Heinrich Geiselberger, Tobias Moorstedt), 219–238.

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