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Brauchen wir eine Theorie der Webgesellschaft?

Brauchen wir eine Theorie der Webgesellschaft? Ich meine: ja!

Aber warum nur, was wollen wir als Wissenschaftler, Uni-Dozenten und Fölljetonfußballer denn tatsächlich mit dem Web theoretisch anfangen? Einfach ‘nur’ Produkte und Dienstleistungen der Unternehmen besser verkaufen oder auch politische und soziale Probleme der Welt lösen, zum Beispiel in der weltweiten Klimapolitik? Aber sollten wir das wirklich wollen? Und was bedeutet ein problemorientiertes Vorgehen wissenschaftstheoretisch? Fragen wir dazu zunächst eine Theorie, die sich damit auskennt: Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, die mit dem großen ‘K’.

Die Kritische Theorie wendet sich, stark verkürzt dargestellt, gegen eine Wissenschaft, die versucht, im Rahmen einer vorgegebenen Ordnung allgemein gültige Aussagen in Form von Gesetzen zu formulieren – und damit zur Legitimation bestehender Gesellschafts- und Herrschaftsverhältnisse beiträgt. Der vorgegebene gesellschaftliche Zustand werde damit zum falschen Absoluten; der Positivismus gerate zur alternativlosen Bestätigung dessen, was der Fall ist: “Der Triumph der subjektiven, formalisierten Vernunft ist auch der Triumph einer Realität, die dem Subjekt als absolut, überwältigend gegenübertritt”, wie es Max Horkheimer auf den Punkt bringt.

Seit den 1990er Jahren beziehen sich viele britische und amerikanische Sozialwissenschaftler (wieder) auf dieses Wissenschaftsverständnis und fordern neue thinking spaces ein. Die gegebene soziale und politische Ordnung, so Robert Cox, könne nicht als unumstößlich betrachtet werden; Theorie diene immer jemandem und verfolge immer eine bestimmte Absicht: “Theory is always for someone and for some purpose. All theories have a perspective. Perspectives derive from a position in time and space, specifically social and political time and space. The world is seen from a standpoint definable in terms of nation or social class, of dominance or subordination, of rising or declining power, of a sense of immobility or a present crisis, of past experience, and of hopes and expectations for the future”.

Eine moderne Problemlösungstheorie akzeptiert die Welt so, wie sie ist, nimmt sie umstandslos als Startpunkt der empirischen Analyse an – mit ihren bestehenden sozialen Beziehungen und Institutionen als Handlungsrahmen. Das Hauptziel besteht darin, diese Beziehungen und Institutionen effizienter zu gestalten, nicht, sie in Frage zu stellen, so Cox. Bestimmte Detailprobleme werden nur innerhalb des Handlungsfeldes oder Systems behandelt, in dem sie entstehen. Eine kritische Theorie dagegen nimmt Institutionen und soziale Machtverhältnisse nicht als gegeben an, sondern untersucht deren Wandlungsfähigkeit.

Was bedeutet das? Wenn wir über das Web und die Gesellschaft nachdenken und versuchen, darüber allgemein gültige Aussagen zu formulieren, dann lässt sich dieses, unser Nachdenken nicht trennen von dem Gegenstand unserer Betrachtung. Tatsächlich bedeutet unser “kommunikatives Handeln” (Habermas) nicht nur, dass wir als pfeiferauchende Akademiker am runden Tisch beisammen sitzen und ganz gepflegt irgendein Thema erörtern. Kommunikatives Handeln befördert nach unserem Verständnis eine kooperative Einstellung der Akteure, die eingebunden ist in ein umfassendes Netz von Regeln, Normen und kulturellen Praktiken.

Ich sehe in dem Web einen Assoziationsraum für unterschiedliche Akteure mit vielfältigen Interessen und unterschiedlichen Machtpotentialen, die durch kommunikatives Handeln miteinander verbunden sind. Und die durch ihre assoziative Kommunikation über Schlagworte, Hashtags und „Gefällt-mir“-Daumen, in Blogs, Wikis und Foren, in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Micro-Blogging-Plattformen wie Twitter selber das Web formen. Der zu beobachtende Übergang von einer durch Massenmedien geprägten Gesellschaft zu einer Webgesellschaft vollzieht sich, mal postmodern gesprochen, indem wir als kritische Wissenschaftler und begeisterte Praktiker genau diese Geschichte erzählen: die der kooperativen Webgesellschaft.

Mit der Beschreibung und kritischen Interpretation dieses Übergangs erhoffe ich mir, Ansatzpunkte für eine neue Web-Theorie zu formulieren, die gestaltungsorientierte Ansätze der Wirtschaftsinformatik mit sozialwissenschaftlichen Beschreibungen zusammenführt. Web on, Wirtschaftsinformatik!

Gerald Fricke

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