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Das Internet – ein Leitmedium?

“Neulich im Museum: Die Leitmedien des 20. Jahrhunderts” – hier unser Film auf YouTube

Das Internet ist in den vergangen Jahren immer mehr in den privaten und beruflichen Alltag diffundiert. Doch welche Rolle nimmt es in Gesellschaftsbereichen ein? In Wirtschaft und Wissenschaft wird das Internet, und auf ihm aufbauende Technologien, als Werkzeug, das verblüffende Effizienzsteigerungen in der Organisation von Information erzielt, gesehen. Als „neues Medium“ gehandelt substituiert es keines der alten Medien (wie es beim Aufkommen eines neuen Mediums nie der Fall war), sehr wohl aber substituiert es, dank seiner enormen technischen Flexibilität und Offenheit, die alten Übertragungstechnologien. Internetzugang und -nutzung verstehen sich von selbst. Doch selbsterklärend ist das Medium Internet längst nicht.

Was also ist das Internet? In seiner basalsten Definition ist es eine weitreichende Verknüpfung von Computern und Computernetzen. Ein Netz, das sich ausbreitet und von externen Strukturen weitgehend unbeeinflusst bleibt. Das Internet ist eine Struktur, die sich aus sich selbst heraus reguliert. Ein Netzwerk, innerhalb dessen jeder autonome Knoten Kontakt zu jedem anderen autonomen Knoten aufnehmen kann.

Eine verbreitete Sichtweise auf das Internet lässt es als freies, offenes Mitmachmedium, das sein emanzipatorisches Potential im andauernden Zeitalter des Web 2.0 erst entfaltet, (Seeger, 2009) erscheinen. Andere Betrachtungsweisen erwecken den Eindruck, dass Mitmachen nur in der Diaspora (so auch der Name eines Projekts, das eine OpenSource Software für Social Network Sites entwickelt) stattfindet und Aufmerksamkeit im Web sich auf die Webseiten und Angebote weniger Konzerne konzentriert. Deren augenscheinlich vergütungsfreie Dienste haben sich in Form schlanker Interfaces in viele Webseiten integriert. Social-Network-Sites besitzen umfängliche personenbezogene Daten (Studien) und Suchmaschinen sind Gatekeeper des Internets (Machill, Neuberger, Schindler 2002).

Doch wie lässt sich die Wirkung dieses einflussreichen und verwoben-verworrenen Mediums beschreiben? Diese Frage haben wir uns im Sommersemester 2011 im Seminar „Wege in die Webgesellschaft“ gestellt. Ist das Internet ein Leitmedium? Dem Drang diese Frage schlicht zu bejahen haben wir uns, zugunsten einer konkreten Definition des Begriffs des Leitmediums widersetzt. Bei Udo Göttlich finden wir dazu folgende Definition:

„Als Leitmedium bezeichnet man ein spezifisches dominierendes Einzelmedium in einer bestimmten historischen Phase der Medienentwicklung, welchem eine Hauptfunktion in der Konstitution gesellschaftlicher Kommunikation und von Öffentlichkeit zukommt.“

Hielten wir uns nun an diese publizistikwissenschaftliche Definition würde es schwer, das Internet als Leitmedium zu bezeichnen. Dem Internet kann gut und gerne eine gewisse Dominanz unter den Medien zugewiesen und großer Einfluss auf andere Medien nachgewiesen werden. Allerdings fehlt es dem Medium Internet an spezifischer Ausrichtung, die ein Einzelmedium ausmacht. Das Internet trägt sehr wohl zur Konstitution gesellschaftlicher Kommunikation sowie zur Bildung von Öffentlichkeit bei.

Es ist genau der Punkt an dem ein Medium zur Konstitution von Öffentlichkeit beiträgt, an dem sich die alten Medien Fernsehen, Radio, Zeitung grundlegend vom Internet unterscheiden. Um diesen Unterschied deutlich zu machen, gehen wir in unserem Beitrag entlang der Zeit durch die Leitmedien des 20. Jahrhunderts. Wir haben für jede Mediengattung (Hörfunk, Print, TV) exemplarisch ein bedeutendes Ereignis in seiner Geschichte herausgegriffen. Jedes dieser Ereignisse spricht für die Reichweite des jeweiligen Mediums und für seine Fähigkeit Themen in der Gesellschaft zu installieren. Für das Internet hingegen haben wir kein solch prägnantes Beispiel. Denn, und das ist unsere Kernaussage, im Internet funktioniert Öffentlichkeit nicht mehr über das Agenda-Setting der klassischen Massenmedien. Am Internet nimmt die Gesellschaft zwar teil, doch sind die Inhalte hier so vielfältig und individuell kombinierbar wie die Interessen seiner Nutzer.

Der Philosoph und Medienkritiker Richard David Precht brachte das im vorvergangenen Jahr auf den Punkt als er die Emergenz des „individualisierten Kollektivdaseins von Massenmedien-Eremiten“ beschrieb. Abschließend können wir sagen, dass die Schaffung von Öffentlichkeit heute ein komplexer und von Segmentierung geprägter Vorgang ist, der sich nicht mehr dadurch auszeichnet, dass alle den selben Propagandafunk hören, oder 20 Millionen Zuschauer zugleich „Wetten dass…?“ sehen.

Robert Schulz, Gruppe “Leitmedium Internet”

Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen schönen Ausflug ins Museum – klasse gemacht! Nur eine Anmerkung: Als Kriterium für die Frage nach dem Leitmedium habt Ihr die Konstitution von “Öffentlichkeit” herangezogen. Aber genau diese Öffentlichkeit wandelt sich ja gerade fundamental, meine ich. Der öffentliche Raum wird nicht unbedingt aus Werkzeugen oder einem Leitmedium “gemacht”, sondern aus sozialen Praktiken, welche durch diese Werkzeuge ermöglicht werden – wenn zum Beispiel die Hälfte der “Wetten, dass”-Zuschauer die Sendung nebenbei in ihren sozialen Netzwerken mit ihren spöttischen Kommentaren begleitet, dann ist die gute alte massenmediale Öffentlichkeit “fragmentiert”, der gemeine mitlesende Zuschauer mit Informationen schrecklich überlastet, aber zugleich entstehen ganz neue Gemeinschaften und fröhliche Debattierclubs, an denen auch Habermas seine Freude hätte…

  2. Dem stimme ich zu. Mit einem neuen Leitmedium gehen auch neue soziale Praktiken einher. Beim Internet ist das natürlich besonders deutlich: Hier wird, Rückkanal sei Dank, nicht nur rezipiert sondern auch kommentiert und (re-)produziert. Klar, das geht über die beschriebene Vielfalt hinaus.

    Deshalb war es für uns auch besonders interessant zu sehen, wie die Medienmacher aus TV und Rundfunk, aber auch die Verleger, mit dem Leitmedium Internet umgehen. Die „Langzeitstudie Massenkommunikation“ von 2010 (hier: http://www.unternehmen.zdf.de/fileadmin/files/Download_Dokumente/DD_Das_ZDF/Langzeitstudie_Massenkommunikation_2010.pdf) macht deutlich: Die alten Medienmacher teilen die Nutzung des Internets in „Mediennutzung“ und sonstige Kommunikation ein und betrachten anschließend nur den Bereich, den sie als Mediennutzung ausmachen.

    Selbstverständlich kann das Netz und die mit ihm einhergehenden Rezeptions- und (Re-)Produktionsweisen so nicht umfassend betrachtet werden, doch daraus ergibt sich für ein Teil des Netzes eine Vergleichbarkeit mit den alten Leitmedien. Das und nicht mehr haben wir als unser Anliegen betrachtet.

    Persönlich bin ich der Meinung, dass Internetvergleiche meistens hinken und entsprechend brauchbare Eingrenzungen schwer zu treffen sind. So gesehen bleibt das Internet für mich vorerst eine eher aussagelose Kategorie, wenn es um Vergleiche mit Einwegmedien geht.

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  2. #fkmedien: Was ist das Internet für Dich? | Lernspielwiese 5. November 2012 at 08:14