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“Die digitale Gesellschaft” und die Geschichte der Kooperation

Dr. Gerald Fricke: Die digitale Gesellschaft und die Geschichte der Kooperation. Vortrag TU Braunschweig, Haus der Wissenschaft, 13. Mai 2014.
Foto © Wissenschaft im Dialog

Im Rahmen des Wissenschaftsjahrs 2014 “Die digitale Gesellschaft” habe ich im wissenschaftlichen Nachtcafé (“Wie sozial ist digital?”) im Haus der Wissenschaft über die kooperative Webgesellschaft gesprochen.

Wir erleben den Übergang von einer Gesellschaft, die auf die Masse setzt zu einer vernetzten Gesellschaft, in der das Web zum Leitmedium wird – das bezeichne ich als die “Große Transformation” zur kooperativen Webgesellschaft. Wie “sozial” nun mein Leben tatsächlich ist, hängt nicht unbedingt und in erster Linie davon ab, welche Medien oder Angebote ich nutze, sondern welche Einstellungen und Sichtweisen ich habe und wie Macht und Einfluss in einer Gesellschaft verteilt sind, so meine These (hier).

Durch Empathie, Offenheit und Zusammenarbeit im sozialen Web unterstützen wir im besten Falle die “öffentliche Sache” (res publica) – dafür brauchen wir neue Konventionen, einen neuen Gesellschaftsvertrag: Wie werden wir im nächsten Web Beziehungen pflegen, Wissen und Ideen verbreiten, zusammen arbeiten oder unser Erlebnisse „teilen“? Diese Geschichte der kooperativen Webgesellschaft müssen wir selbst erzählen.

Im Anschluss an den Vortag wurden mir einige Fragen gestellt (sehen Sie dazu auch das Video):

Wo liegen die Vorteile sozialer Netzwerke und welche Nachteile oder gar Gefahren bergen sie für Freundschaften?

Das Web ist ein großartiger Assoziationsraum für Menschen, die sich gerne austauschen. Das ist gut so und nicht gefährlicher als eine Großraumdisko. Man muss nicht mit allen Menschen, mit denen man es zu tun hat, auch automatisch befreundet sein. Wir brachen keine kulturphilosophische Abhandlung über den Freundschaftsbegriff im Social Web, finde ich, sondern eine nüchterne Sicht auf das, was ich “Kontakte” nenne und Facebook als meine “Freunde” kennzeichnet.

Was ist Freundschaft im digitalen Zeitalter noch wert?

Genau so viel wie vorher. Das Web bietet uns fantastische Möglichkeiten, unsere sozialen Beziehungen und Freundschaften zu pflegen und zu vertiefen, über Kontinente und Zeitzonen hinweg. Ich sehe das Web nicht als ein “Medium” wie eine Türklingel, einen Bleistift oder ein Faxgerät, sondern als einen Ort, an dem ich mit anderen Menschen zusammen arbeiten, oder auch meine Mittagessensfotos teilen kann. Ich möchte nicht die Geschichte des Webs als eine Geschichte des großen kulturellen Niedergangs beschreiben, was wäre damit gewonnen? Das Web ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels.

Wie viele Facebook-Freundschaften sind zu viel?

Gute Freunde hat man eine Handvoll, Bekannte ein paar Hundert und weitere Kontakte können sich auch im Tausender-Bereich bewegen. Es gibt kein “zu viel” oder “zu wenig” bei Freunden, Bekannten oder Kontakten. Wenn ich eine ausgefallene Spezialistenfrage habe, dann kann der Kreis meiner Kontakte gar nicht groß genug sein. Je mehr, je besser. Wenn ich zu einer kleinen Feier einlade, dann würde ich das vielleicht nicht in mein gesamtes Netzwerk einstellen. Wir müssen eben mit unterschiedlichen Kreisen und Öffentlichkeiten umgehen, aber das gilt ja für alle unsere Sozialbeziehungen.

Wie sehr verändern die Neuen Medien uns und unser Sozialverhalten?

Die Medien sind nicht das Entscheidende, wie gesagt. Entscheidend sind gesellschaftliche Konventionen und eine Kommunikation, die sich an den Adressaten orientiert. Es geht um Empathie, Respekt und Offenheit. Auf Tante Herthas Geburtstag erzählen wir vielleicht andere Witze als in der Fußball-Umkleidekabine. Hoffe ich doch jedenfalls! Es kommt eben immer darauf an, auf die Situationen und Zusammenhänge.

Wie ist es zu bewerten, dass wir das Gefühl haben, ständig erreichbar sein zu müssen?

Wer ist “wir”? Ich habe dieses Gefühl nicht. Wer gibt uns denn dieses Gefühl? Doch wir uns nur selber! Das soziale Web kostet genau soviel Zeit, wie wir dafür aufwenden wollen, und wir haben die Möglichkeit unsere Zeit viel selbstbestimmter einzuteilen als mit den guten alten Drehscheiben-Telefonen.

Gerald Fricke

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