TU BRAUNSCHWEIG
Symbolfoto
wi² Blog – Wirtschaftsinformatik & Informationsmanagement

Die “Facebook-Revolution” am Beispiel von Ägypten

Ist Facebook der Auslöser oder Unterstützer der Revolution?

Unter dieser Frage stand unser Vortrag (Selda Bulut, Intisar Malik, Leon Rholffs, Nicolas von der Heyden, Muhammed Geuad) zum Thema “Facebook-Revolution am Beispiel von Ägypten”, in der Webgesellschaft-Vorlesung. Vorgabe war, das Pecha-Kucha-Format zu erfüllen, welches sich als ideal herausstellte, die Kontroversen des Themas zu präsentieren. Denn die 20 Sekunden pro Folie machten es möglich, auf prägnante Art und Weise, in Form einer Podiumsdiskussion, Pro- und Contra Argumente zu beleuchten.

Unser Vortrag: Facebook-Revolution – eine Diskussion

Entscheidend für den Putsch gegen Mubarak im Frühjahr 2011 waren der Online-Nachrichtendienst Twitter und das Soziale Netzwerk Facebook. Die skrupellose Wahlfälschung der Parlamentswahlen im November 2010 durch das Mubarak-Regime war eines der Schlüsselereignisse, die zum Aufstand in Ägypten führten. Zur Wahlüberwachung hatten junge Muslimbrüder einen Twitter-Dienst namens RASD gegründet. Während der Proteste, die im Januar und Februar 2011 zum Sturz Mubaraks führen, war RASD eine der wichtigsten Informationsquellen, speziell über Ereignisse außerhalb der Hauptstadt Kairo.

Außerdem gründete sich eine Facebook-Gruppe mit dem Namen „We are all Khaled Said“ in Gedenken an den Internetaktivisten Khaled Said, der im Jahr 2010 von Polizisten auf offener Straße zu Tode geprügelt worden war. Am 25. Januar, dem „Tag der Polizei“, rief Wael Ghonem, Gründungsmitglied der Gruppe, via Facebook zu Protesten auf und erreichte damit etwa 350.000 Menschen. Er wurde als Gründer der Protest-Plattformen weltweit bekannt. In einem Interview, das im Februar auf CNN ausgestrahlt wurde, dankte er nicht nur ausdrücklich Facebook für die Unterstützung, sondern vertrat sogar die Auffassung, dass die Bewegung zuerst online gestartet sei. Er vermittelte damit den Eindruck, dass die Kommunikation in dem sozialen Netzwerk „Facebook“ die Revolution organisiert und damit erst ermöglicht hätte.

Die Beschreibung in Blogs, die Bilder im Internet und der Tweet als Informationsangebot ermöglichten der nationalen wie internationalen Presse, die Vorgänge im Land genau zu registrieren und gegebenenfalls weiterzuverfolgen. Auch kleinste Ereignisse aus den Dörfern in Oberägypten erreichten so die ägyptische Öffentlichkeit. In den vergangenen Jahren entstand mithilfe von Mobilfunknetz und Internet ein umfassenderes Portrait des Landes als je zuvor. Die politische und soziale Situation der Menschen in Ägypten wurde öffentlich und mit ihr die korrupten Machenschaften des Regimes wie auch der Repressionsapparat.

Die Vorteile der sozialen Medien liegen auf der Hand. Die Ereignisse können nicht nur binnen Kürze gemeldet und bebildert werden, der virtuelle Raum ermöglicht auch unzensierten und unabhängigen Informationsaustausch. Auch schützt die Anonymität die Vertreter weitestgehend vor Repressionen, wodurch eine breite Blogger-Szene entstehen konnte. Anders die Situation der etablierten Medien: Sie unterliegen ökonomischen Zwängen, die mitunter als Druckmechanismus benutzt werden können, sofern die Inhalte zu kritisch ausfallen.

Facebook wurde genutzt, um sich als Kollektiv zu organisieren und sich gemeinsam gegen das Regime aufzulehnen. Der Aufstand der Demonstranten war geprägt von Forderungen nach politischen Reformen, Pluralität und Meinungsfreiheit. Weiterhin forderten sie  garantierte Grundrechte und demokratische Wahlen. Die Aktivisten handelten uneigennützig und zum Wohle der Gesellschaft und nutzten das “soziale Web” in Form von Facebook und Twitter als Kommunikations-, Organisations- und Publikationsmedium.

Ist Facebook der Auslöser oder Unterstützer der Revolution? – Die Diskussion im Plenum

Die Washingtoner Denkfabrik Center for American Progress (CAP) stellte die Theorie auf, dass der Klimawandel der Hauptträger der Revolution in Ägypten war. Diese hat Statistiken, Umfragen, und Studien durchgeführt und festgestellt,  dass in den letzten Jahren im Nahen Osten große Dürren herrschten. Daher gab es eine Nahrungsmittelknappheit, insbesondere an Weizen, das als Grundnahrungsmittel im Nahen Osten dient. Dadurch stiegen die Nahrungsmittelpreise drastisch an, so dass es zu Unruhen im ganzen Land kam.

In den letzten 30 Jahren habe es viele Demonstrationen gegeben. Aber der Zusammenschluss der Demonstranten sei nicht so stark gewesen, so eine Einschätzung im Plenum. Es sei kein eindeutiges und klares Ziel vorhanden gewesen., die Kooperationen im Web, insbesondere über Facebook, lasse sich als Auslöser der Revolution bezeichnen. Die Ermordung des Jugendlichen Khaled Said sowie die vorangehende Revolution in Tunesien habe die Bevölkerung motiviert, sich über Twitter und Facebook zu informieren und organisieren.

Andere Diskutanten sehen Facebook “nur” als einen Informationskanal und nicht als Auslöser. Das Regime sei überrascht worden und konnte nicht schnell genug reagieren. In China hätte das nicht passieren können. Eine Mischung aus Unzufriedenheit, Aufruhe und die Unwissenheit des Regimes hätten die Revolution ausgelöst.

Eine andere Meinung allgemein zur Revolution war, dass sich das Volk durch die Revolution ein ”Eigentor” geschossen habe. Es herrsche weiterhin Unruhe, da die eine Gruppe, die jetzt an der Macht ist, alle anderen Gruppen unterdrückt. Es sei fraglich, ob eine solche Revolution mit gleicher Strategie nochmals zu einem Erfolg führen könne, da das Regime aus der Vergangenheit gelernt habe. In den Nachbarländern versuche man schon ähnliche Strategien durchzuführen. Es wird versucht Kommunikationsmittel wie Facebook zu verbieten.

Fazit:

Nicht Facebook macht die Revolution, sondern die Menschen die auf die Straße gehen. Es braucht eine kritische Masse, es braucht eine allgemeine Unzufriedenheit. Dadurch springt der revolutionäre Funke über. Aber warum ist die Revolution in Ägypten 2011 so unvollendet geblieben? Hätte man mir einer “aktiven Webgesellschaft” die “Konter-Revolution” verhindern können, wenn z. B. auch die Landbevölkerung, die zu 80 % nicht über einen Internetanschluss verfügt, partizipiert hätte? Wäre es in einer aufgeklärten, dezentralen und hierarchiefreien Webgesellschaft, wie wir uns das als Ideal vorstellen, zu einer Konter-Revolution gekommen?

Wie der Revolutionsversuch ohne Facebook ausgesehen hätte, kann niemand beantworten, jedoch hat Facebook einen sehr großen Beitrag geleistet. Das Social Web wird auch in Zukunft großen Einfluss auf die Gesellschaft haben.

Muhammed Geuad

Quellen:

– http://www.3sat.de/page/?source=/wissenschaftsdoku/sendungen/163648/index.html

– http://www.sueddeutsche.de/kultur/netz-depeschen-nur-ein-kleiner-tweet-1.1053196

– http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-02/jugendbewegung-aegypten-facebook

– http://www.bpb.de/internationales/afrika/arabischer-fruehling/52392/aegypten?p=1

– http://www.americanprogress.org/issues/security/report/2013/02/28/54579/the-arab-spring-and-climate-change/

– http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-studie-wie-der-klimawandel-zum-arabischen-fruehling-fuehrte-a-887085.html

– http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/68751/aegypten-nach-der-revolution-02-08-2011

– http://www.3sat.de/page/?source=/wissenschaftsdoku/sendungen/163648/index.html

– http://www.arte.tv/de/aegyptens-wirtschaft-2-jahre-nach-der-revolution/6688040,CmC=7282480.html

Comments are closed