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wi² Blog – Wirtschaftsinformatik & Informationsmanagement

Die Geschichte vom Herrschaftswissen

Ich hörte die Fahrradbremsen bedrohlich quietschen. Ein alter Freund, mittlerweile Unterabteilungsleiter in einem sehr bedeutenden Unternehmen, wedelte hektisch mit seiner Pumpe:  “Du hier? Sag mal, warum muss ich eigentlich alle Sachen, die ich so mache, immer verschlagworten, oder wie es auf gut denglisch heißt: taggen?! Steht ja immer in Eurem komischen Blog.” Spöttisch verzog er seinen Mund. 

“Nun”, sagte ich, “Du weißt ja: Wissen ist Macht, steht in Geheimtinte über Eurem Laden geschrieben. Deshalb wird das Wissen bei Euch in den Fluren, Schubladen, Kantinen und Rauchereckchen als Herrschaftswissen gehortet und gehütet. Irgendwann aber wird es komisch riechen und seinen gebunkerten Wert verlieren. Warte nur ein Weilchen!”

Eine Menge Schaulustiger hatte sich mittlerweile auf der Kreuzung eingefunden und verfolgte meine Rede. “Ist das überhaupt noch tragbar für Euer bedeutendes Unternehmen”, fragte ich in großer rhetorischer Geste. “Nein”, so antwortete ich, “wir brauchen ein Gegengift. Nieder mit dem Gemauschel der Kleingeister”, so skandierte ich, “freie Bahn der Genialität!”

“Was meint Du damit?”, beruhigte mich der Freund. “Intranet etwa? Das ist mir viel zu kompliziert. Außerdem finde ich grundsätzlich nie das, was ich suche, Amigo”. – “Richtig, mein Freund”, sagte ich und entwendete ihm die böse dampfende Luftpumpe. “Das ist Intranet 1.0, braucht kein Mensch. Warum findest Du kein vernünftiges kollektives Wissen im Intranet 2.0 Deines Saftladens?” – “Weil wir das nicht taggen, rabäbäh…” – “Richtig. Weil Ihr kein soziotechnisches Netzwerk geknüpft habt. Keine assoziative Verknüpfung aus Personen, Begriffen, Dokumenten und Internet-Adressen.” Ich lief zur Höchstform auf, brach die Luftpumpe entzwei und bellte in eine dargereichte Flüstertüte: “Was Ihr braucht: Ein semantisches Web! Herrschaftswissen ist 20. Jahrhundert, Alter! Vorbei, perdu!”

“Ja, aber wie geht das denn”, wimmerte der arme Mann, “und was ist mit meiner Pumpe?”.  “Ja gut”, beckenbauerte ich souverän zurück, “top-down funktioniert das nicht. Eine Frage Eurer Unternehmenskultur…” – “Puh…” – “Das muss man schon wollen. Bei IBM zum Beispiel gibt es Bluepedia, ein internes Online-Lexikon, das nach zwei Jahren mehr als 3000 Einträge von 800 Autoren, 386 000 Bookmarks und 40 000 Blogs verzeichnet. In den Public Files können Mitarbeiter selbst Dokumente hochladen, allen zur Verfügung stellen, für eigene Themen werben. Jeder darf alles wissen.”

Das saß. Einige aus der Menge applaudierten etwas zögerlich. Nachdenklich fuhr mein Freund weiter. Ich winkte ihm hinterher und bemerkte, dass sein Hinterrad eierte.   

Gerald Fricke

Kommentare

  1. Und die Moral von der Geschicht!? … ohne taggen läuft es nicht! 🙂

  2. Frei nach Francis Bacon: “Wer neue Heilmittel scheut, muss alte Übel dulden!”
    Danke, Gerald! Für Dein frühmorgendlichen Einsatz zum Thema Wissen. Wir sind stolz auf die WI!

    Von Yvonne Gaedke am 7. Oktober 2008 um 17:19 Uhr
  3. frühmorgendlich ????
    13:02 ???

  4. Stefan, das erste Wort “böse dampfende Luftpumpe” stand bei mir schon um 7:02. Dann kam dies und das dazu. Tüv-Abnahme war dann um eins. So, Uhrenvergleich, tatää!

  5. außerdem hast Du doch Deinen Kumpel am Morgen auf dem Weg zur Uni getroffen, oder? Das Aufschreiben ist immer später 🙂

    Von Yvonne Gaedke am 7. Oktober 2008 um 18:08 Uhr
  6. aber immerhin wird hier zügig geantwortet 😉

  7. Man sieht, dass die neuen Räume den Geist beflügeln. 😉

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