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wi² Blog – Wirtschaftsinformatik & Informationsmanagement

Die Webgesellschaft in der Lehre

Seit dem Sommersemester 2011 bieten wir am Institut für Wirtschaftsinformatik, Abteilung Informationsmanagement, TU Braunschweig, die Vorlesung „Transformation zur kooperativen Webgesellschaft“ an. Dazu einige Anmerkungen zum didaktischen Konzept und ein Ausblick auf das kommende Semester. (Mehr zu den Vorlesungs-Inhalten hier

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Gerald Fricke: Die Formel für die Webgesellschaft (Quelle: Tafeldienst)

In der Vorlesung entwerfen wir unterschiedliche Sichtweisen auf den Übergang von einer Massengesellschaft zu einer Gesellschaft, in der das Web das neue Leitmedium wird. Die Kooperation neuer, vielfältig organisierter dezentraler Akteure ist dabei das entscheidende Merkmal dieses gesellschaftlichen Wandels. In der Vorlesung erweitern wir die Wirtschaftsinformatik um sozialwissenschaftliche Theorien und versuchen, die Geschichte der Webgesellschaft mit den Studenten gemeinsam zu erzählen und zu interpretieren – an vielen Beispielen aus Politik, Ökonomie und Gesellschaft (siehe auch: Auf dem Weg zur kooperativen Webgesellschaft).

Dazu nutzen wir mit Pecha-Kucha-Vorträgen ein Microteaching-Format und verbinden öffentliche Blogeinträge der Studenten mit Präsenzterminen. Um eine Standardisierung und Übertragbarkeit unseres Modells zu erreichen, prüfen wir die lerntheoretischen Grundlagen unserer eingesetzten Instrumente „Lernen durch Lehren“ und Blended Learning.

Ausgangssituation

Wir sehen unser Auditorium in der Vorlesung und unsere Teilnehmer und Beiträger im Web als eine Lehr-Lerngemeinschaft, die sich aktiv einen Großteil des Vorlesungsstoffs selber erarbeitet und sich untereinander vermittelt. In der Vorlesung selber als auch begleitend im Web. Für diese Idee eines „Lernen durch Lehrens“ haben wir formale Vorgaben entwickelt: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass kurze, prägnante Vorträge, die eine bestimmte These entwickeln und ansprechend gestaltet sind, einen höheren Lernerfolg zeitigen und die Diskussion in der Vorlesung besser voranbringen als längere oder sogar zeitlich unbegrenzte und schlechter strukturierte Referate („Death by PowerPoint-Syndrome“).

Um dieses zu vermeiden, haben wir unterschiedliche Microteaching-Formate geprüft und sind zu dem Schluss gekommen, dass die Pecha-Kucha-Präsentationstechnik unseren Ansprüchen am besten gerecht wird: „Pecha-Kucha“ bezeichnet eine Vortragstechnik, bei der zu einem mündlichen Vortrag passende Bilder (Folien) an eine Wand projiziert werden. Die Präsentation ist selbst ablaufend, 20 Bilder werden jeweils für 20 Sekunden gezeigt. Die Gesamtdauer des Vortrags beträgt damit sechs Minuten und vierzig Sekunden. Pecha-Kucha wurde 2003 in Tokio erstmals im Rahmen einer Designveranstaltung verwendet. Seit Februar 2003 hat sich das Präsentationsformat ausgebreitet – inzwischen sind über 600 Städte weltweit Teil des Pecha-Kucha-Netzwerks (siehe www.pechakucha.org).

In unserer Vorlesung übernehmen die Studenten folgende Aufgaben und Rollen in ihren Gruppen: Projektmanagement, Konzeption, Text, Design, Technik. So werden in einem Pecha-Kucha-Vortrag zum Beispiel die Pro- und Contra-Argumente zur „flüssigen Demokratie“ herausgearbeitet, in 6:40 Minuten. Durch dieses Format werden die Studenten „gezwungen“ ihre Argumente genau zu strukturieren und gut zu präsentieren. So soll vermittelt werden, dass es in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit einem Thema nicht notwendigerweise immer ein „Richtig“ oder „Falsch“ gibt, sondern ein Streben nach neuer Erkenntnis – in der gemeinsamen Abwägung der unterschiedlichen Sichtweisen auf das Web.

Vor jeder Präsentation wird im Plenum abgestimmt (hier: für oder gegen „flüssige Demokratie“), nach dem Vortrag leitet die Gruppe die Diskussion, danach wird wieder abgestimmt. Durch die Zuspitzung auf These und Anti-These können auch zurückhaltendere Teilnehmer im Plenum aktiviert werden, ihre Einschätzungen zu vertreten.

Neben diesem interaktiven, seminaristischen Part in der Vorlesung (etwa 45 min) fasst der Dozent in der „zweiten Halbzeit“ (45 min) die Debatte der letzten Sitzung zusammen, hält die wissenschaftlich entscheidenden Punkte fest, verdeutlicht seine Einschätzung des Themas und gibt einen Ausblick auf das kommende Thema. Wo aus Sicht des Plenums oder des Dozenten wichtige Argumente oder entscheidende Inhalte fehlen, ergänzen wir diese in der Diskussion oder später als Kommentar zum Blogeintrag der Gruppe. Um Material zu sammeln oder Fragen unkompliziert stellen zu können, haben wir für die Vorlesung eine offene Facebook-„Webgesellschafts“-Gruppe eingerichtet.

Dabei gibt es auch formale Vorgaben und inhaltliche Qualitätssicherungen: Zwei Wochen vor dem Vortrag sind die Gruppen angehalten, wissenschaftliche Quellen für Ihre Präsentation an alle Teilnehmer zu verschicken und eine Leitfrage für die Diskussion, damit alle Teilnehmer sich vorab in das Thema einarbeiten können. Alle Vorträge werden von der jeweiligen Studentengruppe selber gefilmt, bei YouTube hochgeladen, die Vortragsfolien bei Slideshare eingestellt (optional), und in unserem Instituts-Blog veröffentlicht, mit einer Zusammenfassung des Vortrags, dem eingebundenen Video und den Folien, weiterführenden Quellen und den Ergebnissen der Diskussion. So entsteht im Laufe des Semesters ein multimediales Vorlesungsskript. Alle Ergebnisse der Vorlesung seit 2011 sind auf YouTube, Slideshare und im wi2-Blog, unter dem Schlagwort „Webgesellschaft“ dokumentiert.

Das Ziel

Die Studenten lernen, sich aktiv in „Massen“-Vorlesungen einzubringen, den Lehrstoff selber mit zu gestalten, kooperativ in einer interdisziplinären Gruppe mit verteilten Verantwortungen. Wir vermuten, dass wir mit dem Pecha-Kucha-Format und der Ergebnissicherung im Web auf dem richtigen Weg sind. Wir möchten dieses Modell aber gezielter evaluieren, beginnend mit der kommenden Veranstaltung im Sommersemester 2015. Damit wollen wir die Studierenden befähigen, ihre Micro-Lerneinheiten eigenständiger zu erstellen, gegenseitig den Lehrstoff zu dokumentieren und auch Verantwortung für dessen Qualität zu übernehmen. Dieses Lernen vollzieht sich auch im Web. Die Studenten wenden diese erlernten Kenntnisse direkt im Internet an, sie schreiben tatsächlich die Geschichte der Kooperation im Web mit und gestalten einen gesellschaftlichen Wandel.

Vorgehen und Evaluation

Mit Pecha-Kucha greifen wir auf didaktische Erfahrungen zurück, die mit Microteaching-Modellen seit den 1970er Jahren gesammelt wurden. Bewährte und effektive Elemente des Microteachings enthalten eine zeitliche Begrenzung auf ca. fünf Minuten und die gemeinsame Bewertung der Lehreinheit. Der Großteil der positiven Veränderungen im Lehr- und Lernverhalten ist auf die intensivere inhaltliche Vorbereitung auf den Lehrstoff zurückzuführen.

Wir versuchen, das „Lernen durch Lehren“ in der Veranstaltung gezielt zu verankern und zu messen. Wir prüfen, wie sich die Lerneinheiten im Web verbreiten und wie sie sich für andere Veranstaltungen nutzen lassen.

Wir möchten auch unser intuitives Blended-Learning-Modell überprüfen und stärker theoretisch fundieren. Wie können wir den Lerneffekt durch eine zielgerichtere Verknüpfung von Lerneinheiten im Internet mit den Präsenzterminen erhöhen?

Übertragbarkeit der Lerneinheiten

Unser Modell setzt auf eine aktive Beteiligung aller Teilnehmer. Der Dozent hat die Aufgabe die Vorlesung zu strukturieren und die intrinsische Motivation der Studenten zu stärken, ihnen ein kooperatives Lernen und Lehren in der Gruppe, im Seminarraum, im Internet und im Social Web zu ermöglichen. Wir wollen prüfen, welche Veranstaltungen in welchen Fächern sich tatsächlich für dieses Format eignen.

Entwicklung von Standards für eigene Lerneinheiten

Wir möchten die Qualität der Beiträge weiter steigern. Das umfasst die Inhalte, die wissenschaftliche Fundierung, die grafische und textliche Gestaltung, die Präsentation und die öffentliche Dokumentation im Web. Wir möchten die Studenten dazu befähigen, dafür eigene Standards der Gestaltung, der Qualitätssicherung und Übertragbarkeit zu entwickeln.

Einbindung im Social Web

Mit unserer Evaluation zielen wir nicht nur darauf ab, Lehrveranstaltungen multimedial im Web „anzureichern“, sondern alle Möglichkeiten des Social Webs zur Gestaltung von Lehr-Lernumgebungen auszuschöpfen und die Verbindung der Wirtschaftsinformatik mit den Sozialwissenschaften zu stärken: Erstens verändern wir mit dem Einsatz des sozialen Webs auch die Lehrziele und den Gegenstand unserer Betrachtung (die Webgesellschaft) – Ziele, die wir mit herkömmlichen Unterrichtstechniken nicht erreichen können. Zweitens werden durch die Einbindung der Mirco-Formate im Social Web die Gestaltungsmöglichkeiten für die Lehre und die didaktischen Herausforderungen immer vielfältiger.

Anwendung im Sommersemester 2015

In der Webgesellschafts-Veranstaltung im Sommersemester 2015 testen und überprüfen wir den Erfolg dieses Konzepts, nach unterschiedlichen Kriterien. Die Überprüfung des Einsatzes multimedialer, interaktiver Elemente in der Vorlesung (offline) und im Web (online) ist keine einmalige, summative Messung des Effektes neuer Lehr- und Lernformen, sondern ein iterativer Konstruktionsprozess.

Wir meinen, dass wir mit der Evaluation und der skizzierten Weiterentwicklung der Webgesellschafts-Vorlesung ein innovatives Lehrmodell an der TU Braunschweig entwickeln können, dass beispielsgebend für eine Verknüpfung von „Lernen durch Lehren“ im Pecha-Kucha-Microteaching-Format und Blended Learning im Social Web ist.

Weiter geht’s, ab April 2015!

Gerald Fricke

teach4TU Webgesellschaft

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