TU BRAUNSCHWEIG
Symbolfoto
wi² Blog – Wirtschaftsinformatik & Informationsmanagement

Innovativität = Intuitivität?

Usability, User Experience, Emotional Design, Social Web Interaction,… was verbirgt sich dahinter? Antworten gab es auf der Mensch und Computer Konferenz vom 6. – 9. Sep. in Berlin.

Mitgenommen haben wir, dass Innovativität und Intuitivität nicht zwangsläufig dasselbe sein müssen. Vielmehr schließen sich beide Begriffe fast aus (Herbert A. Meyer). Intuitivität entsteht aus Gewohnheit heraus und die ist daher nicht innovativ. Innovative Bedienkonzepte hingegen sind ungewohnt und müssen erst erlernt werden, auch wenn sie dann (sobald sie erlernt sind) intuitiv zu bedienen sind.

Was meint ihr zu der These? Gibt es innovative und intuitive Beispiele?

Kommentare

  1. Beide Begriffe müssen nicht zwangsläufig dasselbe meinen, können es aber!

    Nehmen wir die Nintendo Wii als Beispiel. Die Spiele haben eine recht intuitive Steuerung. In einem Tennisspiel benutze ich die Fernbedienung wie einen Tennisschläger, beim Basketballwerfen auf der Konsole mache ich dieselben Bewegungen wie in der Turnhalle, usw. Man muss nicht lange lernen, wie das funktioniert, weil man bekannte Muster abrufen kann. Diese instinktive Bedienbarkeit als Merkmal ist aber tatsächlich eine Innovation – die Abkehr von den bekannten Eingabegeräten. Microsoft und Sony lieferten sich zunächst lieber weiterhin eine Schlacht um noch höhere Auflösungen, noch schnellere Prozessoren oder noch mehr Speicherkapazität.

    Wenn Microsoft demnächst mit ihrer “Natal-Steuerung” auf den Markt kommen, ist die Bedienung vermutlich wirklich intuitiv. Man bewegt sich frei im Raum, die Spielfigur bildet das weitgehend 1:1 ab. Wenngleich die “körperbetonte” Bedienung weiterentwickelt wird, ist man diese Art der Steuerung im Prinzip schon gewohnt – ist also nicht wirklich innovativ.

    Ein Beispiel für die verbleibende Aussage (Innovative Bedienkonzepte hingegen sind ungewohnt und müssen erst erlernt werden) wäre das AmigaOS, das als eines der ersten Betriebssysteme eine grafische Benutzeroberfläche anbot (deren interne GUI-Engine interessanterweise “Intutition” heißt). Das war auf jeden Fall innovativ gegenüber der auf Kommandozeilen basierenden Konkurrenz, aber intuitiv sicher nicht. Den Umgang mit dem System musste man auch erst lernen, wenngleich das nicht allzu schwierig war.
    Oder noch etwas von Microsoft, die das “Startmenü” als (Windows-)Innovation einführten. Aber ist es intuitiv auf “Start” klicken zu müssen, wenn man den Rechner herunterfahren möchte? Ist es überhaupt intuitiv, einen Rechner herunterfahren zu müssen? Meinen Amiga schalte ich einfach aus, und gut. Aber ich schweife ab…

  2. Die GUI-Engine des AmigaOS heißt natürlich nicht “Intutition”, sondern “Intuition”. Vertipper an entscheidender Stelle.

  3. Ich finde die Darstellung vereinfacht zu stark. Beispielsweise war die grafische Nutzerschnittstelle von Xerox/PArc, die der Macintosh populär gemacht hat beides – Innovativ, weil es bisher praktisch nur textuelle Schnittstellen für Dialogsysteme gab und Intuitiv, weil der Nutzer ohne zu überlegen die Metaphern aus der “realen Welt” übernehmen konnte.

    Intuitives Verhalten ist eine Transferleistung. Eine intuitive Schnittstelle muss also nicht offensichtlich, sondern erfahrbar sein, wenn man Vorwissen aus möglicher Weise auch komplett Themenfremden Wissensgebieten/Erfahrungsgebieten besitzt. Auch das Rollrad der Maus ist ein Beispiel dafür.

  4. lsmart schrieb am 11. September 2009:

    > Auch das Rollrad der Maus ist ein Beispiel dafür.

    Ich erinnere mich lebhaft an die Geschichte mit dem Opa, der noch nie einen Computer gesehen hatt und der dachte, die Maus sei eine Fernbedienung. Klar, nachdem ihm gezeigt wurde, wie mit dem Ding umzugehen ist, kam er damit klar. Bzgl des ‘Pinch and pull’ beim iPhone geht Aza Raskin auf was aehnliches ein: http://vimeo.com/moogaloop.swf?clip_id=2497726 – Sein Vater, Jef, einige sagen, er sei der ‘Mac Father’, schrieb dazu: “The mouse is very easy to learn: All I had to do, with any of the test subjects, was to put the mouse on the desk, move it, and click on something. In five or ten seconds, they learned how to use the mouse. That’s fast and easy, but it is neither intuitive nor natural. No artifact is.”

    Gruss, h.

  5. Innovationen sind auch Moden und Marketinganforderungen unterworfen. Es geht ja nicht immer nur und ausschließlich um das Wohl und Wehe des Nutzers, oder? Als Beispiel sei auf die Cover-Flow-Funktion von Apple verweisen. Eine fantastische Möglichkeit, seine Dokumente (“Plattenalben”) zu durchsuchen, die das Stöbern imitiert, intuitiv und sofort verständlich. Man weiß nicht genau, wonach man eigentlich sucht, blättert ein bisschen durch seine Sammlung – und entdeckt kleine Schätze, Verloren geglaubtes oder lässt sich dazu inspirieren, etwas neues Ungesehenes, Ungehörtes zu entdecken. Soweit, so schön.
    Aber wie geht die Geschichte weiter? Eines Tages entdeckt das der Marketingmensch eines bedeutenden Unternehmens aus der Versicherungsbranche. Der geht dann zu seiner Agentur und sagt, hey, unsere Versicherungstarife, könnt Ihr die nicht auch mal ganz innovativ im “Cover-Flow” anbieten? Das ist natürlich ein Quatsch, aber das traut sich die Agentur nicht zu sagen. Also bietet die Versicherung am nächsten Morgen ihre Tarife auch im Cover-Flow an, weil das jetzt “modern” so ist, “im Internet”. Und das sieht die nächste Firma, am nächsten Tag, und will das auch haben, weil das jetzt alle haben.
    Und der Nutzer? Der Nutzer wollte nicht durch Versicherungstarife stöbern, sondern durch seine Platten und Fotoalben. Aber er wurde ja auch nicht gefragt. Ende des Beispiel.

Trackbacks / Pings

  1. Trackback URl →