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wi² Blog – Wirtschaftsinformatik & Informationsmanagement

Lehrstuhl-Gezwitscher

Neulich erreichte uns die freundliche Anfrage eines sympathischen Unternehmens, das wirklich erstklassige Produkte herstellt: Ob und wie man denn dieses neue Teufelszeug “Twitter” in die interne Unternehmenskommunikation einsetzen könne? Ob das nicht auch “sehr gefährlich” sei, wegen Datenschutz und so, und was das überhaupt bringe, “ganz konkret”? Und schließlich: Ob es dazu nicht auch schon “wissenschaftliche” Studien etc. gebe?

Nun, antworteten wir, da seid Ihr bei uns genau an der richtigen Stelle. Wir kümmern uns um die Integration des “Mitmach-Webs” in die Unternehmenskommunikation – in Theorie und Praxis…  Wir überlegen zum Beispiel, ob wir diese qualitativ neue Form des Austausches von Menschen mit einem “Strukturwandel der Öffentlichkeit” beschreiben oder mit der Theorie des kommunikativen Handelns (Jürgen Habermas) erklären können. Und wir schauen in die betriebwirtschaftliche Fachliteratur und fragen, wie sich die Investition in eine gelungene Kommunikation “rechnet” – und was, umgekehrt, eine schlechte, ineffiziente interne Kommunikation ein Unternehmen jeden Tag wirklich an Geld, Burn-Outs und Nerven “kostet”.

Reicht uns das? Nein. Um ein Gespür und gutes Gefühl für diese verrückten neuen Sachen zu bekommen besinnen wir uns auf das, was nach unserem Verständnis wahres wissenschaftliches Ethos ausmacht: Mit Neugierde und Offenheit der Erkenntnis – um nicht zu sagen: der Wahrheit – auf der Spur.

Das heißt: Wir probieren diese verrückten neuen Sachen einfach mal aus. Praktizieren das, was wir predigen. Und berichten über unsere Erfahrungen. Gestern also haben wir hier Twitter eingeführt, eine hübsche webzwonullige Plattform, die den Nutzer kurz und bündig fragt: Was machst Du gerade? Dafür hat man 140 Zeichen Platz zu antworten. Der Nutzer kann seine Freunde zum “Verfolgen” der Nachrichten einladen und selber die Nachrichten seiner Freunde – oder Kollegen! – verfolgen.

Wir vermuten: Das könnte durchaus etwas “bringen” in der internen Unternehmenskommunikation – sprich: in unserer internen Lehrstuhl-Kommunikation! Im Sinne einer “virtuellen Kaffeeküche”: Ich rufe einem Kollegen einen kleinen Geistesblitz zu, frage den nächsten nach dem Kick-Off-Termin morgen und den dritten nach dem aktuellen Kaffee-Durchlauf. Warum nicht gleich alle Kollegen – und Freunde! – daran teilhaben lassen? Warum jeden Geistesblitz dreimal auf dem Flur wiederholen?

Nun ist es nach einem Tag noch etwas früh, aber ich wage mich an ein erstes kurzes Zwischenfazit: Es macht tatsächlich Spaß! Schon mal nicht schlecht, oder? Und ich habe erfahren, dass es hier tatsächlich jemanden gibt, der eine alte Johnny-Cash-Cassette im Autokofferraum gefunden hat. Das habe ich vorher nicht gewusst, nach einem halben Jahr Lehrstuhlzugehörigkeit. Implizites Wissen über Johnny Cash ist explizit geworden. Nun weiß ich heute noch nicht genau, was ich mit diesem Wissen anfangen kann oder ob sich das, oh Gott, jemals “rechnen” wird. Eines aber weiß genau: Der Tag wird kommen, an dem ich dieses Wissen “brauche”. Genau dieses eine winzig kleine Informationsmolekül (“Johnny Cash im Kofferrraum”) wird den Unterschied ausmachen. Ich sags Euch…!

Nun möchte ich nicht die wissenschaftliche Theorie oder repräsentative, empirische Überprüfungen gegen das subjektive Erfahrungswissen ausspielen. Aber wenn wir den nächsten Termin bei unserem sympathischen Unternehmen mit den tollen Produkten haben, dann möchte ich sagen können: Ja, Twitter, sehr kompliziert, Habermas sagt das, Luhmann dieses und die Wirtschaftsinformatik überlegt noch. Aber wir haben es einfach mal ausprobiert – und, hey, es hat funktioniert!

Gerald Fricke

Mehr zum Thema virtuelle Kaffeeküche und wie neue Medien die Welt der Unternehmen verändern hören Sie in der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Susanne Robra-Bissantz. Am 26.11.2008, 17:00 Uhr, in der TU Aula.

Kommentare

  1. könnte ich bitte nach dir die johnny cash kasette ausleihen?

    die interne kommunikation ist beschleunigt. neues wissen ist da und die kasette schon weg. da werde ich wohl mal twittern müssen…

    danke, gerald.

    Von Markus Weinmann am 11. November 2008 um 11:29 Uhr
  2. Twittern, das ist mehr als sagen, was man gerade macht und tut, denn das kann ich auch bei Facebook. Twittern ist tatsächlich das einfachere und günstigere Massen-smsn, der Austausch von internem “verstecktem” Wissen. Nie wieder werde ich mir nun alleine Gedanken über meine Geistesblitze machen müssen, denn ich kann sie gleich teilen und in kurzen auf den Punkt gebrachten Sätzen diskutieren. Nie wieder alleine wissenschaftlich arbeiten oder gar mensen. Das sind die Momente, in denen ich wiedermal sehr glücklich darüber bin, dass ich an diesem schnellen, flexiblen und alles-mal-ausprobieren Lehrstuhl forschen darf.

    Von Yvonne Gaedke am 11. November 2008 um 11:35 Uhr
  3. Welch Freude!
    Erst gestern habe auch ich mich angemeldet und werde sogar schon gefollowed! Nennt mir eure Namen und ich folge euch!
    der ‘Schmutte’

  4. Zu Twitter kann ich Euch noch Nico Lummas Twitterdings Blog empfehlen: http://twitterdings.de/

    Gerade für Unternehmen oder eher geschlossene Benutzergruppen empfehlen sich auch andere Microblogging-Anwendungen.

    Zum Beispiel Laconica: http://laconi.ca/trac/

    Das schöne an Laconica ist die freie Softwarelizenz und die Implementierung des OpenMicroBlogging Protokolls ( http://openmicroblogging.org ). Dieses erlaubt die Kommunikation über verschiedene Microblogging-Dienste hinweg. http://identi.ca ist eine solche Installation.

    Eine schöne gehostete (kommerzielle) Webanwendung ist Backpack von 37signals: http://www.backpackit.com
    Backpack bietet mit dem “Journal” seit einiger Zeit ebenfalls eine sehr schöne Möglichkeit, den eigenen Status upzudaten und auszutauschen.

  5. Mit dem vorherigen Kommentar wollte ich niemanden vom Twittern abhalten. Ganz im Gegenteil. 😉

  6. Danke, Dennis! Aber was hat das alles bloß mit Johnny Cash zu tun…?

  7. “Like a bird on a wire. Like a drunk in a midnight choir. I have
    tried in my way to be free.” twitterte schon einst Herr Cash.

  8. War das bevor er Gott gesehen hat oder danach? Immerhin, wir spielen hier beides: Country und Western.

  9. Eine Bitte: Wenn ihr euren echten Namen angebt, werdet ihr besser gefunden. Eine Frage: Warum schützt ihr eure Tweets? Neuer Verfolger zu werden ist dann ziemlich kompliziert und asynchron, weil man erst freigeschaltet werden muss.

    Für die geschäftliche Kommunikation ist vielleicht Yammer (ja, grandiose Namenswahl bei Internationalisierung) besser geeignet, weil man dort seine Nachrichten in geschlossenem Kreis verschicken kann und die Freischaltung der Verfolger wegfällt.

  10. Hier gibts am Donnerstag 18 Uhr (GMT, was glaub ich 19 Uhr bei uns sein sollte) einen freien live webcast über: ‘Twitter for Business: An Introduction to Successful Micro-Messaging With Customers and Co-Workers’

    http://press.oreilly.com/pub/pr/2141

    in dem gezeigt werden soll wie Unternehmen das Twittern bzw. andere micro-messaging-services effizient nutzen können.

  11. Vielen Dank, Manuel und Lennard, für die Hinweise und Tricks…!

  12. warum gibt’s eigentlich immer noch Menschen, die GMT benutzen???
    Eigentlich sollten doch gerade Informatiker und Winformatiker wissen, dass GMT schon 1928 (!) abgeschafft wurde. Und man heute eigentlich UTC benutzt. 😉

    Aber trotzdem interessante Sache

  13. mist … die Blogsoftware hat meine Ironietags ausgefilter

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