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“Mehr Demokratie 2.0 wagen”

“Demokratie 2.0 wagen…” from Gerald Fricke on Vimeo.

“Mehr Demokratie 2.0 wagen…” – Vortrag Dr. Gerald Fricke, TU Braunschweig, 28.01.2010

Vor zwei Wochen habe ich einen kurzen Vortrag über Demokratie 2.0 gehalten, am Beispiel der Universität – die wichtigsten Passagen seht Ihr in dem Video. Hier findet Ihr die angeführte Studie über den Zusammenhang von Demokratie und Mortalitätsrate bei Erdbeben:  “Earthquake Propensity and the Politics of Mortality Prevention” (Plümper et al.). Und hier das Schaubild über “Liquid Democracy”.

Drei Thesen habe ich entwickelt:

1) Demokratie ist kein Zustand, sondern ein Auftrag

Eine “echte Demokratisierung” oder “absolute” Demokratie gibt es nicht, aber wir können normativ die Forderung aufstellen, dass grundsätzlich alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Institutionen immer mehr Demokratie gebrauchen können – im Sinne von Mitsprache und Mitbestimmung (oder zumindest der Transparenz der Entscheidungswege). Dieser Prozess ist nie abgeschlossen oder “fertig”, sondern bleibt eine Handlungsauffordung. Besonders an einer Universität.

2) “Mehr Demokratie wagen” – gilt auch für unterwegs…

Wenn man sich dieser Norm verpflichtet fühlt, dann sollte man die Mitsprachemöglichkeiten auch da anbieten, wo sich die Bürger, Kunden, Nutzer gerade aufhalten (zum Beispiel in einer Vorlesung) – und nicht sagen: Wenn Du etwas willst, dann komme doch her, aber nur zu den Sprechzeiten.

Was ist damit gemeint? Wenn wir jetzt Techniken haben, die eine unmittelbare, spontane Mitsprache von unterwegs ermöglichen (über mobile Endgeräte), dann sollten wir uns nicht vor Schmähungen fürchten, sondern das großartige und emanzipatorische Potential dieser spontanen Unterwegskritik begrüßen und nutzen! Natürlich werden die wohl abgewogenen Beiträge vom Schreibtisch begründeter ausfallen, als eruptive Einwürfe in einer Vorlesung á la “Folien schlecht”. Aber wenn wir mehrere ähnliche “mobile” Einwürfe lesen, kristallisiert sich vielleicht heraus, dass gar nicht der Dozent angegriffen werden soll, sondern die Beleuchtung in einem Hörsaal als ungünstig empfunden wird. Dieser kritische Einwurf wirkt für sich genommen reichlich banal. Zurück aus der Vorlesung, am heimischen Herd, wird sich der Student vermutlich nicht mehr damit befassen oder eine “Beschwerde” dazu formulieren. Damit würde aber möglicherweise ein tatsächlicher Mißstand (die Beleuchtung in diesem Raum) nie angesprochen, geschweige denn behoben werden.

Was ich damit sagen will: Wenn man “mehr Demokratie” haben möchte – dann sollte man auch den Studenten an einer Hochschule alle Mitsprachemöglichkeiten auf der “Höhe der Zeit” und nach dem technischen State of the Art anbieten…!

3) “Sags uns” bedeutet mehr Demokratie

Mit diesem Ideenblog erhalten die Studenten die Gelegenheit, aktiv miteinander Informationen zu ihrem Leben an der Universität zu verknüpfen. Das Phänomen, dass Studenten und Bürger selbst ihre Ideen in Worte fassen und diskutieren, könnte auf die Universitäten und die demokratisch verfassten Gesellschaften tief greifende und langfristige Auswirkungen haben. Internet-Plattformen oder Ideenblogs erzeugen leichter, unmittelbarer und schneller als traditionelle Beteiligungsformen subjektiv wahrnehmbare Wirksamkeit und das für eine Studentenschaft oder aktive Bürgergesellschaft essentielle Selbstvertrauen, dass die Stimme des Einzelnen gehört wird – und diese tatsächlich einen “Unterschied macht”.

Auf der ersten Ebene geht es bei einem Ideenblog wie “Sags uns” nur um ein verbessertes Beschwerdemanagement, um ein Instrument der Kundenbindung. Beschwerden sind schnell und einfach formuliert, die Diskussion konkreter Verbesserungsvorschläge innerhalb einer Polis erfordert ein wesentlich höheres Engagement einiger besonders aktiver Studenten, aber genau diese engagierten Studenten (und “Mavens”) werden diese Ideagora im Netz wieder verlassen, wenn sie den Eindruck gewinnen, dass es der Universitätsleitung nur darum geht, die “Kundenbeziehung” zu verbessern. Auch werden sich die Studenten, die sich für ihre Universität einsetzen, sich mit ihr identifizieren, Studiengebühren bezahlen und möglicherweise sogar ein republikanisches Bewusstsein für ihre Universität entwickelt haben, nicht damit zufrieden geben, ihre Vorschläge “nur” unverbindlich zu diskutieren. Sie wollen sehen, dass ihre Stimme, ihr Eintrag im Ideenblog “den Unterschied macht”.

Was folgt aus dieser abschließenden These? Demokratie bedeutet Information, Diskussion und Entscheidung. Über das Ideenblog können sich die Studierenden gegenseitig informieren und ihre Verbesserungsvorschläge mit den verantwortlichen TU-Angehörigen diskutieren. Aber die abschließende Entscheidung darüber, welche Vorschläge umgesetzt werden, bleibt der Selbstverwaltung der Universität vorbehalten – bis auf weiteres. Zukünftig wird es also um die Frage gehen, wie eine direkt-demokratische Einflussnahme der Studentinnen und Studenten auf die repräsentativ verfasste Institution Universität aussehen könnte. Und damit allgemein um die Frage, ob und wie das Web 2.0 die repräsentative Demokratie ergänzen und stärken könnte.

Probieren wir das aus – im Mikrokosmos “TU Braunschweig”!

Kommentare

  1. Danke für das Über-Den-Tellerrand-Schauen-Lassen, Gerald!

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