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“Mein Plädoyer für Massenmedien”


“Mein Plädoyer für Massenmedien”, TU Braunschweig, 08.07.2011

Es galt im Rahmen der Veranstaltung “Informations- und Kommunikationsmanagement”, mit Hilfe eines Filmes zu erörtern, ob die klassischen Massenmedien oder das Internet das Leitmedium ist. Dabei wäre natürlich darüber zu streiten, ob das Internet überhaupt ein Medium ist. Diese Frage wurde nach dem Anschauen des Videos in der Vorlesung diskutiert, wobei wir auf keine eindeutige Lösung gekommen sind.

Ich habe mein Video wie einen Vortrag aufgebaut. Da es eher schwer ist, alle Gedanken und Informationen beim ersten Sehen und Hören aufzunehmen, nachfolgend die Textfassung, mit den Grafiken:

“Mein Plädoyer für Massenmedien”

Hallo, ich bin der normale Deutsche. Mein Medienkonsum beträgt ca. 10 Stunden am Tag. Nun ist es nicht so, dass ich meinen Medienkonsum fein säuberlich trenne, wie Plastik- und Papiermüll. Sondern vieles passiert parallel.

Ich gucke am Tag 227 Minuten Fernsehen. 227 Minuten sind fast 4 h, im Monat sind das 113 h und im Jahr kommt man auf 1381 h. Ich höre genauso lange Radio. Die anderen Medien behandle ich im Vergleich dazu eher stiefmütterlich. Krasse Mucke höre ich 45 Minuten, und ich surfe 30 Minuten. Meine Lesekompetenz ermöglicht es mir, in einer Tageszeitung  28 Minuten zu lesen, in einem spannendem Buch 25 Minuten und in einer Zeitschrift 12 Minuten.

Wie Studien zeigen, weisen wir verschiedenen Medien verschiedene Aufgaben zu.  Zur Informationsbeschaffung nutzen wir Zeitungen, das Internet und auch das Fernsehen. Fernsehen tun wir auch, um unterhalten zu werden. Das Radio ist unser Tagesbegleiter.

Im Rahmen der Vorlesung „Informations- und Kommunikationsmanagement – Webgesellschaft“ an der TU Braunschweig haben wir uns die Frage gestellt, ob die klassischen Massenmedien oder das Medium Internet „die Welt zusammenhält“. Wir als Gruppe vertreten die Ansicht, dass die klassischen Massenmedien noch immer die wichtigsten sind.

Aber was sind nun eigentlich Massenmedien? Oder besser gesagt: Welches sind die Leitmedien? Sind es noch Zeitung und Fernsehen oder ist das Internet bereits das Leitmedium? Während das klassische Internet sich z. B. bei Online-Ausgaben von Zeitungen nicht viel von Printmedien unterscheidet, sind doch Social Media eine neue Form der Kommunikation. Die klassische One-to-many-Kommunikation wird von einer Many-to-many-Kommunikation ergänzt und auch verdrängt. Interessant für unsere Fragestellung ist deswegen, ob Menschen das Gefühl, ein Teil des Weltgeschehens zu sein, eher aus den klassischen One-to-many-Kommunikationskanälen oder den neuen Many-to-many- Kommunikationskanälen der Social Media beziehen. Es gibt immer wieder Artikel und Fernsehbeiträge, die einem suggerieren, dass die klassischen Massenmedien nur noch eine Randerscheinung sind. Das Web dagegen wird als Demokratie stiftendes, Menschen vernetzendes Medien bejubelt oder als ein Zeit und persönliche Daten fressendem Monstrum verteufelt. Erstaunlich fand ich daher eine Studie der Henry J. Kaiser Family Foundation zu dem Medienkonsumverhalten 8- bis 18-jähriger US-Amerikaner. Diese Studie zeigt, dass der Computerkonsum von einer halben Stunde 1999 auf eine Stunde 2004 und auf eineinhalb Stunden 2009 zugenommen hat. Das ist eine Zunahme von mageren 27 Minuten in den letzten 5 Jahren.

Und wie sieht das mit den viel beschworenen Social Media aus? An dieser Tabelle kann man sehen, dass die prozentuale Verbreitung sozialer Netzwerke bei Jugendlichen mit dem Alter zunimmt, aber die Zeit, die von den Nutzern aufgebracht wird, bei den 15- bis 18-jährigen wieder abnimmt. Daran sieht man, dass selbst in der jungen Generation, die mit sozialen Netzwerken aufgewachsen ist, die Nutzungsdauer von Social Media noch lange nicht an die des Fernsehens heranreicht. Geradezu paradox ist, dass nicht die Jungen die meiste Zeit mit sozialen Netzwerken verbringen, sondern Mädchen.

Auch hat sich gezeigt, dass nur 9 % der täglich konsumierten Fernsehinhalte über das Internet abgerufen werden. Das Internet hat noch lange nicht den klassischen Distributionskanälen den Rang abgelaufen.

Ein interessanter Fall ist Australien: 2009 gab es kein Land, das einen höheren Anteil der Internetuser hatte, die Social Media nutzten. Hier sind Jugendliche mittlerweile genauso lange bei sozialen Netzwerken, wie sie Fernsehen schauen. Aber auch hier nehmen die Nutzerzahlen stark bei den Erwachsenen ab.

Das waren jetzt Zahlen für reiche Industrienationen.

Aber was bedeutet das für die ganze Welt? Diese Grafik zeigt, dass im Durchschnitt nur 30.2 % der Weltbevölkerung online sind. Zum Beispiel in afrikanischen Ländern bedeutet das, dass das Internet mit einer Durchdringung von nur 11,4 % in der Medienlandschaft eine Randerscheinung ist. Wenn man sich z.B. den Zugang zu Medien in Tansania anschaut, sieht man, dass zwar sowohl in der Stadt als auch auf dem Land gut 85 % der Menschen Zugang zu einem Radio haben. Aber schon bei dem zweitmeist benutzten Medium – dem Fernsehen – ist der Verteilungsunterschied kapital. Während 59 % der Stadtbevölkerung einen Fernseher nutzen, sind es nur 14 % auf dem Land. Nur 8 % der Befragten aus der Stadt nutzen das Internet; auf dem Land sind es grade mal verschwindend geringe 2 %.

Während man durchaus sagen kann, dass das Internet in den Industrienationen immer weiter an Bedeutung gewinnt, und gerade was mobile Nutzung von multimedialen Inhalten angeht, die Grenze zwischen den verschiedenen klassischen Massenmedien immer weiter verschmilzt, zeigt sich doch in verschiedenen Statistiken, dass die klassischen Massenmedien immer noch von weit höherer Relevanz sind. Es zeichnet sich aber in den Statistiken für die Zukunft auch ab, dass genau wie in den 1960er Jahren das Radio vom Fernsehen überholt wurde, das Internet eines Tages die klassischen Massenmedien als Leitmedium überholen und ersetzen wird. Denn anders als Radio und Zeitung, die zum Fernseher komplementär zu sehen sind, hat das Internet die Möglichkeit, all die klassischen Medienformen in sich zu vereinen.

Was die Welt zusammen hält? Social Media teilen einem mit, was Freunde, Bekannte oder inspirierende Menschen zurzeit wichtig finden. Das was einem Bekannten wichtig ist, ist auch für einen selbst von höherer Bedeutung, als das, was sonst so in der Medienflut über einen hereinbricht.

Das OneMillionGiraffes-Projekt zeigt, dass unbedeutende Individuen durch die Macht der Social Media so etwas Großes hinkriegen, wie eine Million – nicht mit dem Computer erstellte – Giraffendarstellungen zu sammeln; etwas das man mit seinem Offline-Freundeskreis nicht hinbekommen würde. Social Media bringen eine höhere emotionale Bindung an die Nachrichten und Projekte, von denen man hört. Wird sich durch das Internet die Konsumgesellschaft wirklich ändern, oder werden nur die Kanäle ausgetauscht, die Konsum ermöglichen? Bleiben die Social Media ein Mitmach-Web, wenn das Internet Leitmedium geworden ist?

Wird dann die Community an Usern, die selbst Content erstellen, einen riesigen Zuwachs erfahren oder schaut man dann eben einfach nicht mehr um 19:40 GZSZ auf RTL, sondern stattdessen das neuste Herr-Tutorial-Video auf YouTube? Auch wenn YouTube prinzipiell ein Mitmach-Kanal ist und Herr Tutorial durch seine rege Fan-Kommunikation nahbarer ist als der 0815-Seriendarsteller, würde trotzdem immer noch ein Sender vielen Empfängern gegenüberstehen: Der durchschnittliche Herr-Tutorial-Fan wird kaum selbst zu einem aktiven YouTuber werden. Wohin es führen wird, wenn ein Großteil der Gesellschaft seine Informationen nicht mehr aus einer One-to-many-Quelle bezieht, darüber kann man nur spekulieren. In der näheren Zukunft werden aber wohl einfach nur die Grenzen zwischen einzelnen Distributionskanälen verschwimmen; vielleicht werden z. B. auch Fans mit Hilfe von sozialen Netzwerken bei der Produktion von Content mitreden. Dagegen halte ich die Zukunftsvision einer Medienlandschaft, in der es hauptsächlich Prosumenten gibt, für unwahrscheinlich und abwegig. Den Weg zu einer immer weiter vernetzten Welt und auf den Einzelnen persönlich zugeschnittenem Content beschreiten wir allerdings schon jetzt mit großen Schritten.

Aber jetzt ist erst mal Zeit für diese Sendung die ich immer gucke…

An dieser Stelle will ich mich nochmal bei rogierclooney bedanken und das „New York Time Laps“-Video hier verlinken:                 http://www.youtube.com/watch?v=Lv2wDi36lgc&feature=channel_video_title

Das süße Kind findet man hier: http://www.youtube.com/watch?v=MGMsT4qNA-c

Und die wichtigen Quellen, auf denen ich mein Skript aufgebaut habw:

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,457425,00.html

http://www.unternehmen.zdf.de/fileadmin/files/Download_Dokumente/DD_Das_ZDF/Ausschnitt_Langzeitstudie_Massenkommunikation.pdf

http://www.kff.org/entmedia/upload/8010.pdf

http://www.internetworldstats.com/stats.htm

http://www.balancingact-africa.com/news/broadcast/issue-no102/technology-convergen/tanzania-radio-first/bc

Ilan Koch, Gruppe “Massenmedien als Leitmedien”

Kommentare

  1. Einfach nur ein geniales Video … und dafür, dass dies eine Ein-Mann-Gruppe (plus Kameramann) war, ist es noch viel besser!

    Ich finde es auch gut, dass du deine eigene Meinung nochmal am Ende wiedergegeben hast. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Welt und vor allem das Internet in Zukunft entwickeln, nicht zuletzt mit Themen wie Netzneutralität, Vorratsdatenspeicherung und Internetsperren, die momentan immer noch in der Politik im Gespräch sind.

    Von Florian N. am 20. Juli 2011 um 22:11 Uhr
  2. Gaaanz großes Kino… “Prosumption” in der Vorlesung…? It works! Glückwunsch und vielen Dank.

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