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Nachhaltigkeit: Produktion vs. Öffentlichkeitsarbeit vs. Aggregatentwicklung am Beispiel „Fracking“ [TOM Referat]

In den vergangenen Monaten fand in Deutschland und vielen anderen Ländern eine kontroverse Diskussion zum Thema Fracking statt. Fracking ist die Abkürzung für Hydraulic Fracturing und steht für ein umstrittenes Verfahren zur Erschließung von unkonventionellen Erdgasvorkommen. Es handelt sich hierbei um eine Methode der geologischen Tiefbohrtechnik. Im Gegensatz zu konventionellen Erdgasvorkommen ist das Gas nicht in Hohlräumen im Gestein gespeichert, welches nur angebohrt werden muss damit das Gas austritt. Die unkonventionellen Vorkommen zeichnen sich dadurch aus, dass das Gas über eine größere Fläche verteilt, in porösem Gestein gespeichert ist.

Beim Hydraulic Fracturing wird ein Mix aus verschiedenen Fluiden in eine meist mehrere hundert Meter tiefe Bohrung gepresst. Der Druck in der vorgenommen Bohrung muss dabei die geringste im Gestein anliegende Spannung überschreiten. Ist dies der Fall, wird das Gestein mittels einer Flüssigkeit, auch Stützmittelflüssigkeit genannt, auseinander gedrückt. Das Aufbrechen führt zu Rissen im Gestein. Anschließend wird die eingepresste Flüssigkeit so weit wie möglich zurück an die Oberfläche gepumpt. Die zusätzliche Stützflüssigkeit verbleibt in den erzeugten Rissen und soll dafür sorgen, dass diese geöffnet bleiben. Dies gewährleistet einen kontinuierlichen Gasabfluss zur Oberfläche. Diese unkonventionellen Vorkommen galten jahrzehntelang als nicht wirtschaftlich. Erst der technologische Fortschritt welcher ein horizontales Bohren ermöglicht, macht das Fördern der Gase in diesen Gesteinsschichten möglich. Das horizontale Bohren erlaubt es, nicht nur vertikal in ein Vorkommen vorzustoßen, sondern auch der Länge nach ein Gebiet anzubohren. Die darüber hinaus gestiegenen Energiepreise führen dazu, dass die Erschließung der unkonventionellen Gasvorkommen wirtschaftlich interessant werden.

Das Fracking ist weltweit umstritten. Einerseits ermöglicht es die Förderung von großen Mengen günstigen Erdgases, andererseits birgt es aber auch schwer kalkulierbare, nachhaltige Risiken für die Umwelt. Die USA sind führend in der Förderung von Erdgas mit Anwendung des Frackings und bestätigen bei einer näheren Betrachtung die Vor- und Nachteile. Die Gaspreise sind in den letzten 10 Jahren stark gesunken und sind damit ein wesentlicher Faktor für das Wirtschaftswachstum. Insbesondere energieintensive Branchen profitieren von den niedrigen Preisen. Zudem wird die Abhängigkeit von Gas- bzw. Energieimporten aus politisch instabilen Regionen reduziert. Politiker und Lobbyisten betonen außerdem die Schaffung von tausenden Arbeitsplätzen und niedrigerer Energiepreise. Aufgrund dieser Erfolge wurde die Technologie über Jahre in der amerikanischen Öffentlichkeit gefeiert und von der Politik weiter gefördert. Problematisch für die Betreiber der Frackinganlagen ist allerdings der Reboundeffekt, der durch das größere Angebot an Gas zu einen geringeren Preis und somit zu einer geringere Rentabilität führt.

Spätestens seit dem Erscheinen des bekannten aber nicht unumstrittenen Dokumentarfilmes „Gasland“ im Jahr 2010 werden die Energiekonzerne und Politik mit Widerstandsbewegungen konfrontiert. Kritiker betonen, dass die ökonomischen Vorteile des Fracking mit gravierenden Umwelt- und Gesundheitsschäden erkauft werden. Sie bemängeln die Sicherheitsstandards insbesondere zum Schutz des Grundwassers und belegen dies mit offensichtlich verunreinigten Gewässern in der Nähe von Bohrstellen. Außerdem klagen viele Anwohner über die Qualität ihres Brunnenwassers, welches in den USA häufig als Trinkwasser verwendet wird. Es weist in der Nähe von Bohrstellen auffällig hohe Konzentrationen von Schadstoffen auf und wird vermehrt mit auftretenden Krankheiten in Verbindung gebracht. Zudem ist für die Ausbeutung eines Gasvorkommens eine große Anzahl von Bohrtürmen erforderlich, welche das Landschaftsbild beeinträchtigen und die Infrastruktur durch die vielen benötigten LKW belasten. Die größte mediale Aufmerksamkeit haben jedoch die brennenden Wasserhähne erreicht, bei denen das Leitungswasser durch eine hohe Konzentration gelösten Gases brennbar wird, was aber genau genommen nicht zweifelsfrei auf Frackingaktivitäten zurückgeführt werden kann. Als Problematisch wird auch das Zurückbleiben eines bedeutenden Anteils des Chemikaliencocktails im Erdboden betrachtet, da über langfristige Folgen durch diese Verunreinigung des tiefen Erdreichs nur spekuliert werden kann.

Eine objektive Analyse des Sachverhalts ist allerdings schwierig, da die Diskussion äußerst polemisch geführt wird und es bislang nur wenige unabhängig finanzierte Studien zu den Folgen, aber auch zu dem Potential des Fracking existieren. Daneben gibt es viele Studien verschiedener Interessensgruppen, die sich in hohem Maße widersprechen, sowohl was den ökonomischen Nutzen als auch was den ökologischen Schaden betrifft. Zusätzlich durch dieses „Unwissen“ angefeuert spielen Fakten in der öffentlichen Diskussion sowohl bei Frackingbefürwortern als auch bei -gegnern oft nur eine untergeordnete Rolle.

Abschätzungen über die förderbare Menge variieren für die USA zwischen 30 und 100 Jahren Versorgungsreichweite. Es gibt mittlerweile vermehrt Stimmen, die ein noch jäheres Ende des Gasbooms prophezeien. In Deutschland ist die förderbare Menge deutlich geringer, was die Energiekonzerne jedoch nicht daran hindert eine Förderung anzustreben. Die Betreiberfirmen stehen durch eine intransparente Informationspolitik in der Kritik. So hat es Jahre gedauert, bis die ersten offiziellen Angaben über die Zusammensetzung der Fracking Flüssigkeit gemacht wurden. Aus gutem Grund. Der in den Boden gepresste Cocktail enthält teils giftige, krebserregende, hormonschädigende und Wasser gefährdende Komponenten. Die Firmen versuchen mit Hinweis auf die geringen Konzentrationen zu beruhigen, jedoch ist dies für die Kritiker insbesondere unter der Tatsache, dass bis zu 30% der Flüssigkeit im Boden verbleiben, nicht hinnehmbar. Allerdings wird die Technologie laufend weiterentwickelt und womöglich bald ein giftfreies Fracking möglich.

Die rechtliche Situation in Deutschland ist für die Energiekonzerne deutlich schwieriger als in den USA. Dank des Bergbaurechts, welches bereits nach wenigen Tiefenmetern in Kraft tritt, sind sämtliche Bohrungen genehmigungspflichtig. In den USA genügt hingegen die Einverständnis des Grundstückseigentümers.

Vorerst sind die ersten Probebohrungen auf deutschem Boden gestoppt. Es scheint jedoch nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Politik dem Druck der Wirtschaft nachgibt und den Förderanträgen zustimmt. Der Verlockung einer vorübergehenden Erholung der Energiepreise und einigen tausend zusätzlichen Arbeitsplätzen wird vermutlich nicht ewig widerstanden. Den Umweltschützern bleibt da nur die Hoffnung, dass die technologische Entwicklung es zukünftig erlaubt die Umweltschäden auf ein vertretbares Maß zu begrenzen.

Vortragende und Autoren: Karsten Bode, Henning Boysen, Sebastian Kufner, Raimund Waning

Beitrag im Rahmen der TOM Referate im Sommersemester 2013.

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  2. wi²-Blog @ TU Braunschweig 7. August 2013 at 08:33