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wi² Blog – Wirtschaftsinformatik & Informationsmanagement

Primaklima 2.0

Was haben die Klimapolitik, hedonistischer Öko-Lifestyle und das neue Mitmach-Web miteinander zu tun? Seit der Mensch „die Umwelt“ erfunden hat, gibt es um ihre Nutzung gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Durch den Zusammenschluss gesellschaftlicher Akteure und Promotoren einer Klimaschutzpolitik hat sich in den letzen Jahren eine neue Klimaschutz-Dynamik entwickelt – ausgelöst unter anderem durch einen neuen öko-hedonistischen Lebensstil, verbreitet durch neue soziale Netzwerke und Plattformen im Internet. Immer mehr Konsumenten messen die Unternehmen an ihren PR-Versprechen; unternehmerische Verantwortung bedeutet nicht nur „Gutes tun und darüber reden“, sondern die Nutzer schon vor dem ersten Schritt zu fragen: Was heißt hier überhaupt „gut“?

Warum nicht jemanden fragen, der sich damit auskennt: die Massen im Internet?

Die klimapolitische Weisheit der Massen

Die These von der „Wisdom of Crowds“ würde, übertragen auf die Klimapolitik, bedeuten, dass die Massen möglicherweise „bessere“ klimapolitische Lösungen anzubieten hätten, als die Experten aus Politik oder der Wissenschaft. Aber wofür steht diese Weisheit der Massen? Für einen allgemeinen Willen, den Volonté générale im Sinne Jean-Jaques Rousseaus? Wollen wir uns tatsächlich auf das Konstrukt einer allgemeinen klimapolitischen Weisheit einlassen, die es, unterstützt durch das Web 2.0, nur noch zu „entdecken“ gelte? Immerhin ist das gemeine Individuum, der Bürger, Verbraucher, Autofahrer, Netznutzer ein hybrides Wesen, ein „multioptionaler Kunde“, dessen ökologisches Wissen und umweltpolitisches Bewusstsein sich im Alltag durchaus einer individuellen Nutzenabwägung stellen lassen muss. Diese Nutzenabwägung steht ohne Frage gegen das utilitaristische Bewusstsein eines Gemeingutes „Weltklima“. Schärfer gesagt: Das Individuum weiß in der Regel selber nicht, was es will oder wollen soll, schon gar nicht, wenn es um die Umwelt geht.

Warum also sollte aus den widersprüchlichen individuellen Verhaltens- und Konsumweisen eine kollektive Weisheit erwachsen? Bestehende Internet-Plattformen, die Umwelt und Entwicklung zusammen bringen wollen, wie Karmakonsum („Do Good With Your Money“) oder Reset („Neustart für eine zukunftsfähige Welt“), bleiben auf dieser individuellen Ebene stehen, es geht vornehmlich um den Austausch von ökologischen Tipps für das Alltagshandeln.

Interpretieren wir das Web 2.0 also nicht unbedingt und vorbehaltlos als Ausbund der Weisheit zum Umgang mit allgemeinen Gütern, sondern als ein Instrument, um das umweltpolitische Wissen und die Fähigkeiten der Massen zu erfassen und anderen Nutzern bereit zu stellen. Grüne Ideagoras und umweltpolitische Marktplätze im Internet könnten, so verstanden, das Wissen von Amateuren und Experten zusammenführen, klimapolitische Projekte vorstellen und die fortschrittlichen Akteure aus Industrie, Umweltschutzverbänden, politischen Entscheidungsträgern etc. vernetzen. Am besten weltweit. Aber können wir uns wirklich auf den Weltbürger im Kleinbürger verlassen?

Klimaretten 2.0 mit Mavens

Eine andere normative Sicht auf das Web ergibt sich, wenn man das Web nicht als weltweite Graswurzeldemokratie oder allgemeines Wiki versteht, sondern als ein Medium zur zielgerichteten Auswahl von Inhalten und Experten. Wer sich mit eigenen Beiträgen, Kommentaren oder multimedialen Inhalten ins Netz begibt, der gestaltet das Netz auch mit. Um viele Marken und Produkte spannen sich Botschafter und Meinungsführer, sogenannte Mavens. Das Wort stammt aus dem Hebräischen und steht für eine Mischung aus Experten und Meinungsführer, für eine Person, die Wissen sammelt und weiterverbreitet und bestrebt ist, anderen Menschen zu helfen. Dieser Ansatz wird von vielen Autoren und Praktikern (aus PR, Inter-Agenturen oder Beratungsunternehmen) auch auf das Web 2.0 übertragen, zur Weiterverbreitung von Trends, Produktempfehlungen – oder, warum nicht, zur Rettung des Weltklimas.

Wer muss überzeugt werden, von wahrhaftigen Nachhaltigkeits-Mavens in einem gegenhegemonialen Projekt? Die Entscheidungsträger der wichtigsten ökonomischen Global Player. Auf dass sich in diesen Unternehmen ein offenes, experimentelles, aus verzweifelt-froher, apokalyptischer Hoffungszuversicht gespeistes Klima entwickeln möge, dass die Helden der Nachhaltigkeit nach oben spült, an die Hebel der Macht. Dieser Gedankengang erscheint uns utopisch und undenkbar? Ja, mindestens so undenkbar und utopisch wie das Ende der bipolaren Weltordnung 1989/1991, ausgelöst durch den „zwangsfreiwilligen“ Rückzug der Sowjetunion als Supermacht von der Weltbühne.

Wie aber lassen sich diese Allianzen schmieden? Entscheidende Bedeutung kommt der konstruktivistischen Frage zu, wie über Klimapolitik und das Web 2.0 zukünftig gedacht wird, in den Unternehmen, der Politik – und, natürlich auch der Wissenschaft. Auch das Web 2.0 ist eine Frage der Einstellung. Immer mehr Unternehmen, Konsumenten, Nutzer und Akteure eines Wandels nutzen die Möglichkeiten der Vernetzung und des sozialen Austausches – um sich besser zu fühlen, mehr zu verkaufen oder tatsächlich die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Aber lassen sich die vorherrschenden Widersprüche zwischen Nord und Süd, Umwelt und Entwicklung, Ökologie und Ökonomie wirklich durch die Zauberformel einer „Nachhaltigen Entwicklung 2.0“ auflösen? Wohl kaum, aber warum nicht trotzdem damit anfangen, so die normative Conclusio.

Bleiben wir also positiv, denken wir dialektisch und utopisch, nutzen wir die Weisheit der Vielen, vernetzen wir uns mit Gleichgesinnten, machen wir die Promotoren gesellschaftlichen Wandels aus – und fangen wir damit heute einfach an, ganz konkret. Das Web bietet uns fantastische Möglichkeiten dazu.

Gerald Fricke

Kommentare

  1. Sehr schön geschrieben, Gerald!

    “Wie aber lassen sich diese Allianzen schmieden?”
    Eben eventuell durch geeignete Kooperationsmechanismen, über die wir schon länger nachdenken. Eine neue Art der Zusammenarbeit zwischen Menschen mit Hilfe neuer (sozialer) Medien. Um zu innovieren spielen wir; um Probleme zu lösen diskutieren wir; um Wissen aufzubauen networken wir. Und um die Umwelt zu retten?

    Von Markus Weinmann am 18. Januar 2010 um 15:42 Uhr
  2. Um politischen Entscheidungsträger mit dem “Web 2.0, ich bin dabei”-Kleinbürger, der zu Hause vor seinem umweltschonend hergestellten MacBook sitzt und Ökobrot isst, zu vernetzen braucht es ersteinmal die Motivation von “ganz weit oben” dies überhaupt tun zu wollen. Im aktuellen Politikgefüge aus CDU und FDP sehe ich keine Vernetzung der aktiv entscheidenden Personen und den Mavens der Parallelwelt Internet. Es ist wirklich utopisch zu glauben, dass die aktuelle gewählten Parteien so etwas wie Liquid democracy überhaupt nur versuchen würden.

    Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, das auch aus einer “apokalyptischer Hoffungszuversicht” nichts wird, wenn nicht jeder Machthabende mitmacht. Wo waren die Mavens auf dem Klimagipfel? Ich habe keine ausmachen können…

  3. Hallo Dominik, in Kopenhagen waren keine Klima-Mavens, weil das eine Veranstaltung der Staatenwelt und nicht der Weltgesellschaft war. Und das ist eben unzureichend, meine ich. Die Staaten verhandeln auf diesen Konferenzen ihre “Interessen”, ihre Verschmutzungsrechte und die Kosten des Klimawandels – und das sind nicht unbedingt unsere.

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