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“Revolutionen” in der Webgesellschaft?

Ina Heitzer hat mich am 26.8.2011 zur Rolle von Facebook und Twitter in der nordafrikanischen Revolution interviewt. Hier Auszüge aus dem Gespräch. Das ganze Interview findet Ihr hier.

Ina Heitzer: Im Dezember des vergangenen Jahres fanden die bis heute andauernden Proteste in einer Vielzahl von Ländern im Nahen Osten ihren Anfang. In Tunesien gingen große Teile der Bevölkerung auf die Straße, demonstrierten und brachten so ihren Unmut über die Lage in ihrem Land zum Ausdruck. Im Januar schließlich schwappte die Welle der Proteste über nach Ägypten. Die Revolution dort liegt nun etwa ein halbes Jahr zurück. Können Sie sich noch erinnern, wie Sie damals die Geschehnisse in Ägypten mit verfolgt haben?

Gerald Fricke: Ich habe die Geschehnisse über Twitter mit verfolgt, nicht unbedingt über die Massenmedien. Ich glaube auch, dass wir gerade eine Transformation erleben, dass sich immer mehr Nachrichten verlagern in die sozialen Medien. Das, was ich über die Welt weiß, was passiert, habe ich immer schneller und immer öfter zuerst über meine Freunde auf Facebook und Twitter erfahren, als über die Massenmedien. Und das ist nicht nur gut für Revolutionen in Nordafrika, sondern tatsächlich auch für unsere Demokratie. Denn auch in westlichen Demokratien gibt es Unzufriedenheiten und Leute, die gerne etwas ändern wollen. Und ich finde das immer ganz süß, wenn Kommentatoren und Journalisten meinen, ja, das ist eine tolle Sache, dass es jetzt Facebook-Revolutionen in Nordafrika gibt, aber bei uns ist alles, was aus dem Internet kommt, eine große Gefahr.

Denken Sie also, dass soziale Medien die Macht haben, den sozialen Wandel zu fördern oder voranzutreiben?

Fricke: Ja, wir betrachten das Web nicht unbedingt und in erster Linie als ein Medium, das Botschaften sendet, sondern als einen Assoziationsraum für kollektives, kommunikatives Handeln, was dann auch zu Kooperationen führt. Und deswegen halte ich es auch nicht für sehr angemessen, nun von einer Twitter- oder Facebook-Revolution zu sprechen. Genauso wenig würde ich die Russische Revolution 1917 als eine Eisenbahn- oder Telegramm-Revolution bezeichnen. Die Medien oder Transportmittel lösen nicht unbedingt Revolutionen aus, aber sie verstärken eine revolutionäre Stimmung, die tatsächlich schon vorhanden ist.

Also die sozialen Medien als Katalysator?

Ja, Medien werden überhaupt erst durch ihren Gebrauch sozial, ich kann ja nicht alleine twittern. Und durch ihren regelmäßigen und selbstverständlichen Gebrauch verändern wir auch die Gesellschaft, dann bekommen wir auf längere Sicht eine qualitativ andere Gesellschaft, die offener, transparenter und reflexiver ist, als eine Gesellschaft, die nur Massenmedien konsumiert. Und das bewirkt gesellschaftlichen Wandel – in autoritären Systemen, natürlich, aber auch in demokratischen Systemen.

(…)

Gerald Fricke

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