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„Shitstorm“ und andere Mythen im Internet

Eine Gruppe von Studierenden (Daniel Hartung, Felix Latzel, Jan-Hendrik Thomé, Peter Cholewinsk, Rangina Ahmad und Wilhelm Weske) hat sich in der Webgesellschafts-Vorlesung mit Mythen im Internet beschäftigt. Die Mythen, die sie aufgegriffen haben, sind „Shitstorms“, „Vereinsamung durch das Internet“ und „Das Internet ist Schuld an der Vernachlässigung realer sozialer Kontakte“. Hier die Zusammenfassung der Gruppe:

Ein Mythos – altgriechisch: „Erzählung, sagenhafte Geschichte“ – ist im heutigen Sprachgebrauch etwas, das nicht wahr ist.

Bewirkt das Internet tatsächlich soziale Vereinsamung? Die UCLA-Einsamkeitsskala nach Russell, Peplau, & Ferguson (1978) liefert einen konkreten Ansatz zur Untersuchung der Einsamkeit. Huang (2010) betrachtet in einer Metaanalyse das psychische Wohlbefinden im Zusammenhang mit der Internetnutzung. Das Konstrukt Einsamkeit ist für ihn nur ein Teil des psychischen Wohlbefindens, das zudem die Konstrukte Depression, Selbstbewusstsein (self esteem) und Lebenszufriedenheit (life satisfaction) umfasst. Somit sieht er die Einsamkeit als einen Teil des psychischen Wohlbefindens und nicht als eigenständiges Objekt. Das Ergebnis der Untersuchung nach Huang (2010) zeigt einen nicht signifikanten durchschnittlichen Zusammenhang zwischen Internetnutzung und Einsamkeit auf, sofern die Variable Einsamkeit für sich betrachtet wird. Trotzdem ist dies kein eindeutiger Beweis für die Richtigkeit der These.

Und wie sieht es mit dem Rückgang sozialer Interaktion aus? Experten sind sich bisher uneinig, ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Internetnutzung und der Vernachlässigung realer sozialer Interaktionen gibt. Bisherige Studien sind widersprüchlich und qualitativ nicht anspruchsvoll genug, um sie als aussagekräftige Beweise nutzen zu können. Die These kann also – zum jetzigen Zeitpunkt – weder belegt noch widerlegt werden.

Und schließlich: Gibt es Shitstorms tatsächlich oder handelt es sich um die Beschwörung einer nicht wirklich existierenden Problematik? Wenn ein Unternehmen real existierende Probleme ignoriert, können diese zur Existenzbedrohung des Unternehmens werden, wenn die Webgesellschaft darauf aufmerksam wird. Durch aktive Teilnahme des Unternehmens in der Webgesellschaft kann ein Unternehmen genügend Beziehungen aufbauen, um frühzeitig auf Probleme zu reagieren. Ein Shitstorm als ungerechtfertigter Beleidigungsangriff auf ein Unternehmen ist dagegen ein Mythos.

Die Gruppe stellte dazu folgende Fragen auf:

  • Gibt es den unprovozierten Shitstorm?
  • Vereinsamen wir durch das Netz und interagieren weniger?
  • Oder wird durch das Internet der Kontakt zu Gleichgesinnten ermöglicht und soziale Interaktion gestärkt?

 

Ilan Koch

Quellen:

Armstrong, Karen, 2005: Eine kurze Geschichte des Mythos. Gebundene Ausgabe (1. Auflage). Berlin Verlag, Berlin, S. 8-15

Adda, Lukas (2013): Face to Face Handbuch Facebook-Marketing (2., aktualisierte und erweiterte Auflage). Galileo Press, Bonn, 464-465.

Appel, M. & Schreiner, C. (2014): Digitale Demenz? Mythen und wissenschaftliche Befundlage zur Auswirkung von Internetnutzung. Psychologische Rundschau, 65, 1-10

Huang, C. (2010): Internet use and psychological well-being: a meta-analysis. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, 13, 241–249

Kraut R., Lundmark V., Patterson M., Kiesler S., Mukopadhyay T., Scherlis W. (1998): Internet Paradox, A Social Technology That Reduces Social Involvement and Psychological Well-Being?, Carnegie Mellon Univerity

Kraut R., Kiesler S.,Boneva B., Cummings J., Helgeson V., Crawford A. (2002): Internet Paradox Revisited, Journal of Social Issues, Vol. 58, No. 1, 2002, 49-74, Carnegie Mellon University

Appel, M. & Schreiner, C. (2014): Digitale Demenz? Mythen und wissenschaftliche Befundlage zur Auswirkung von Internetnutzung. Psychologische Rundschau, 65, 1-10

Spitzer, M. (2014): Über vermeintliche neue Erkenntnisse zu den Risiken und Nebenwirkungen digitaler Informationstechnik – Eine Erwiderung zur Arbeit von Appel und Schreiner (2014), Psychologische Rundschau

Russell, D , Peplau, L. A.. & Ferguson, M. L. (1978): Developing a measure of loneliness. Journal of Personality Assessment, 42, 290-294.

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