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Theorie und Gestaltung der Transformation zur Webgesellschaft

Mit meiner Theorie der „Großen Transformation zur Webgesellschaft“ und meiner Vorlesung zur „kooperativen Webgesellschaft“ möchte ich den gesellschaftlichen Wandel, der sich mit dem Schlagwort der Digitalisierung verbindet, untersuchen und gestalten. / Gerald Fricke

Gerald Fricke Webgesellschaft

Dr. Gerald Fricke, Webgesellschaft (Foto: Ilan Koch)

In der Vorlesung beschäftigen wir uns seit 2011 unter anderem mit Klimapolitik und der Mobilität der Zukunft, mit Sharing Economy und Remix Culture, dem Wandel der Arbeit und der vernetzten Zusammenarbeit mit Kunden und Nutzern. Mir geht es darum, Geschäftsmodelle, Ökosysteme und kreative Konzepte für digitale Dienste zu entwickeln, die das Leben der Menschen tatsächlich verbessern. Dazu verbinde ich die Wirtschaftsinformatik mit den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und meiner Aktionsforschung im Social Web.

Ich sehe die Digitalisierung in erster Linie als eine kulturelle und gesellschaftliche Herausforderung, für die wir auf individueller und institutioneller Ebene insgesamt mehr Kooperation brauchen. Mit geht es um die öffentliche Sache, um Inszenierungs-Kompetenz, neue Konventionen und eine neue Goldigkeit. Und um gesellschaftliches Veränderungsmanagement. 

Um diese Große Transformation im Weltsystem besser erklären und gestalten zu können, habe ich in meiner Theorie den Begriff der Webgesellschaft entwickelt.

Dazu habe ich in der Vorlesung vier Merkmale der Großen Transformation von einer Massengesellschaft zur Webgesellschaft skizziert:

  1. Den Strukturwandel der Öffentlichkeit – von Massenmedien zu fragmentierten Öffentlichkeiten
  2. Die Dialektik von Zentrum und Peripherie im Weltsystem – von Entscheidung zu Aushandlung
  3. Neue Formen der Beteiligung – von Repräsentation zu direkter Demokratie
  4. Neue Akteure – von Kollektivakteuren zu Individuen in pluralen Rollen und neuen Akteurs-Netzwerk-Konstellationen

Warum Web-Gesellschaft? Wir sehen in dem Web nicht eine abgeschlossene “Netz-Gemeinde”, sondern einen neuen Assoziationsraum für Individuen, die durch kommunikatives Handeln im Internet verbunden sind und eine offene Gesellschaft bilden.

Was verstehen wir unter der “Webgesellschaft”? In der Vorlesung gehen wir von fünf definitorischen Ebenen aus:

  1. Auf empirisch-analytischer Ebene beobachten wir seit den frühen 1970er Jahren einen fundamentalen Transformationsprozess der Gesellschaft zu einer weltweit vernetzten (Web)-Gesellschaft, der von der Gleichzeitigkeit von Vereinheitlichung und Fragmentierung geprägt ist.
  2. Aus normativer Sicht entwickeln wir eine kritisch-dialektische Vorstellung davon, wie die nächste Gesellschaft aussehen sollte: Kooperativer, empathischer, transparenter, gerechter.
  3. Metaphorisch gesprochen sehen wir in der vernetzten (Web)-Gesellschaft die gleichzeitige Atomisierung der postmodernen Welt – und ihre immer neuen Zusammensetzungen.
  4. Es geht uns soziologisch um neue Ordnungen, neue Konventionen, neue Akteurs-Netzwerke. Wir interessieren uns für neue Kontextualisierungs- und Rollenkompetenzen der Individuen. Und darum, erste Umrisse eines neuen Gesellschaftsvertrags (Rousseau) zu skizzieren.
  5. Vor diese Hintergrund beobachten wir als Wirtschaftsinformatiker in der Webgesellschaft neue situierte und kontextorientierte elektronische Dienstleistungen, die für ein neues ökonomisches Produktions- und Konsumptionsmodell stehen.

Gerald Fricke

 

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