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wi² Blog – Wirtschaftsinformatik & Informationsmanagement

Unsere schönste re:publica

Letzte Woche waren Markus Weinmann (@HerrHempel) und ich (@Ballkultur) mit vollem 2-Sterne-Komfort bei der re:publica 2010 zu Gast, mit schwarzem All-Inclusive-Bändchen und diversen mobilen Endgeräten ausgerüstet. Und haben gleich zum goldenen Auftakt  Jeff Jarvis erlebt (Autor von What Would Google Do), im Friedrichstadtpalast. Also da, wo früher das Fernsehballett der DDR und Schlagerstars aus dem nicht-sozialistischen Ausland aufgetreten sind. Und ich sage Euch: Es war großartig!

Jeff Jarvis bei der Kontaktaufnahme

Die Deutschen, so Jarvis in seinem Vortrag über das “deutsche Privatsphären-Paradox”, sorgten sich um ihre Privatsphäre auf Google oder Facebook, ließen aber in gemischten Saunen alle Hüllen fallen. Dabei gehe es aber im Kern nicht um “Privatheit”, sondern um “Kontrolle.”

Darum geht es: um “Kontrolle”

Öffentliches gehöre “uns”, der Öffentlichkeit. Das Öffentliche der Öffentlichkeit vorzuenthalten sei falsch, so Jarvis: “Wenn du dein Wissen nicht öffentlich machst, dann bist du asozial!” Und gibt ein privates Beispiel darüber, wie “wertvoll” es sei, in der Öffentlichkeit zu leben: Jarvis redet und bloggt über seinen Prostatakrebs, hat sich mit Leuten vernetzt, die dasselbe Schicksal teilen. “Wenn wir alles teilen, was wir über eine Krankheit wissen, erfahren wir mehr, als wenn wir alles verheimlichen. Ich habe über meine Erkrankung geschrieben, damit Leute, die nach ‘Prostatakrebs’ suchen, andere Menschen finden, die das durchmachen mussten”, sagte Jarvis.  Nun gehe es darum, “uns”, die Öffentlichkeit, zu schützen. “Wer etwas aus der Öffentlichkeit herausnimmt, der stiehlt von uns allen!”

Mitgemalt hat Anna Lena, live und in Farbe:

Die Informationsdesignerin Anna Lena Schiller malt den Jeff-Jarvis-Vortrag

Evgeny Morozov dagegen warnte vor dem “konterrevolutionären” Umschlag des Web 2.0, am Beispiel autoritärer Regime in China und im Iran. Die Freundeslisten von Aktivisten böten eben auch die Möglichkeit, Regimegegner ausfindig zu machen und zu verfolgen.

Morozov spricht interessantes Englisch

Peter Kruse teilte die Besucher des Internets in “Digital Residents” und “Digital Visitors”. Die einen wollten von überall ins Netz, glaubten an die kollektive Intelligenz, sind neugierig auf Neues, die anderen präferierten Entschleunigung. Den Vortrag haben wir aus Entschleunigungs-Gründen leider verpasst – und dass heißt, das wir wirklich etwas verpasst haben. Darüber waren sich alle Kommentatoren einig. Schade, aber nicht so schlimm, es gibt ja auf der re:publica-Seite alles Verpasste auch im Netz, zum Nachschauen!

Sehens- und hörenswert war auch Udo Vetters feiner Rechtsanwaltshumor.

Udo Vetter gibt Rechtsanwaltshumor 2.0

Und Mittwoch abends die Twitterlesung, moderiert von Thomas Knüwer, vorgetragen unter anderem von @Happyschnitzel und @mspro. Den Offline-Twitter-Contest gewann übrigens zufällig der @Diktator, was also beweist, dass die Twitter-Mafia bei ihrem Klassentreffen eisern zusammenhält. Aber das ist ja auch ok so.

Zur Einstimmung auf die Twitterlesung gab es Sascha Lobos Vortrag über “Shitstorms” im Internet, und wie man mit ihnen umgeht. Seine steile, dialektische These: Shitstorms, also massenhaft vorgetragene Beleidigungen und Beschimpfungen in Kommentarspalten und auf Plattformen können Unternehmen unter Umständen nutzen, weil sie den wahren Kern einer berechtigten Kritik verdecken.

Danach gab es kleinen Bierempfang in der Kalkscheune. Und wir haben sogar Menschen aus dem Braunschweiger Internet getroffen: Lennard, Strawberrylin, Schmutte, Erlebnischris… Prost!

Die Frisur des Web 2.0

Geert Lovink sprach am Donnerstag im Quatsch Comedy Club (!) über Herrschaft, Macht und Interessen im Web 2.0 – und darüber, wie sich die europäische Tradition der Kritischen Theorie damit zukünftig beschäftigen könnte, als normativer Auftrag. Wie sehr wünschte man sich, die deutschen Bestseller-Internet-Basher erreichten auch nur annähernd dieses analytische und intellektuelle Niveau?  Antwort: sehr sehr! Wobei Lovink völlig illusionslos festhielt: “Die Kritik rennt den Tatsachen immer hinterher”. Da musste ich einfach nachfragen, wir haben auf dem Sofa noch ein bißchen über Habermas gelacht, aber dann bemerkte ich, dass Lovink gerade mitten in einem Interview mit einem freundlichen Herrn neben uns steckte. Also weiter.

Geert Lovinks Hemd

Alles in allem war es unsere schönste re:publica aller Zeiten. War ja auch unsere erste. Ganz großartig waren übrigens noch die Auftritte von Peter Glaser (über das Leben auf dem “achten Kontinent”) und Melissa Gira Grant (“Sex Work and Internet”). Zum Ausklang gab es noch ein fantastisches Wiener Schnitzel bei “Friedas Schwester” in der Neuen Schönhauser Straße, und dann ging es mit dem Bahnjammer-Express zurück ins Braunschweiger Internet.

2-Sterne-Komfort im Friedrichstadt-Palast: Ballkultur und Herr Hempel

Habe ich noch was vergessen? Ab in die Kommentare damit, danke!

Gerald Fricke

Kommentare

  1. Es war wirklich herrlich, unsere schönste Republica.

    Hier noch der Direkt-Link zu Peter Krusus Vortrag: http://bit.ly/cu9I0O

    Sehr sehenswert!

    Von Markus Weinmann am 18. April 2010 um 13:26 Uhr
  2. Etwas vergessen? Ja, die Links auf die Twitterprofile der Braunschweiger Delegation! Man denke an die vielen Verfolger, die uns jetzt durch die Lappen gegangen sind! Aber das geht auch schon wieder in Ordnung, bald ist wieder Follow-Friday.

    Die re:publica ist meiner Meinung eine Reise absolut wert. Die Themenvielfalt ist ausgewogen, aber die Vorträge — soweit ich sie erlebt habe — schwanken teilweise erheblich in der Qualität. Mit einem BarCamp kann man eine re:publica nicht vergleichen, den es dreht sich um Medienkonsum statt die x-te Session zum aktuell angesagtesten CMS.

    Vielleicht reichen für mich aber auch zwei statt drei Tage. Das diskutiere ich mit mir selbst bis zum 13. bis 15. April 2011 aus, denn dann findet die re:publica 2011 statt. Sehen wir uns?

  3. Sehr schöne Zusammenfassung. Jetzt weiß ich was ich mir wohl noch auf der re:publica Site so anschauen werde, nachdem mich das Folgen des Peter-Kruse-Empfehlungszweets über eben diese zwei Internetgruppen informiert hat.
    Aber er hat ja noch so viel mehr gesagt… 🙂

    Von Alex Perl am 18. April 2010 um 22:49 Uhr
  4. Der Gewinner des Offline-Tweet-Wettbewerbs wurde doch per Akklamation vom Publikum bestimmt. Die Twitterer waren dabei anonym und nur der Tweet wurde gelesen. Das beweist: Qualität setzt sich eben doch durch.

  5. Lieber Bosch, Mööönsch, das war doch ein Witz… Ich habe selbst am lautesten geklatscht!

  6. Auch ich fand die re:pulica 2010 großartig.
    Allerdings muss ich sagen dass es teilweise einfach zu viele Menschen waren die Sessions besuchen wollten und die dafür vorgesehenen Räume einfach zu klein waren. Für mich bringen BarCamps einen größeren Wissensgewinn und Interaktion – jedoch war es super (soo) viele seiner Follower/Follings in echt zu sehen, mit ihnen zu sprechen und zu feiern!

    Auch wenn ich nicht allen Aussagen von Miriam Meckel (@mmeckel) zustimme, würde es mich freuen sie einmal bei uns im Institut oder in einer Vorlesung zu sehen, hören und mit ihr zu diskutieren.

    Dank Peter Kruse können wir wissenschaftlich belegen dass es einfach 2 Lager der Heavy-Internet-User gibt und diese sich auch nicht gegenseitig überzeugen lassen können bzw. wollen.

    Übrigens freut es mich sehr dass @bosch den wi2-Blog entdeckt hat 🙂 – und @lenn4rd @strawberrylin und ich haben mal unsere Offline-Tweets online gemacht – Stichwort #InternetausdruckScan http://tweetphoto.com/19213848

    Auch neue technische Möglichkeiten wie der MakerBot waren zu sehen. Im #DIYSeminar der HBK hab ich schon von ihm gehört und fand ihn in echt noch besser: http://vimeo.com/10955648 – der coolste 3D-Drucker ever.

    nächstes Jahr wieder – bestimmt

  7. @Gerald: Wir sehen uns natürlich dem berechtigten Vorwurf ausgesetzt, immer nur dieselben Twitterer zu lesen. Das liegt einfach daran, dass die von uns gelesenen Twitterer einfach die besseren Tweets twittern.

  8. @bosch: Dann lohnt es sich auf jeden Fall Gerald (@Ballkultur) zu folgen…

    Von Markus Weinmann am 20. April 2010 um 18:16 Uhr
  9. Hallo Bosch, ähem, dafür legen Titanic und taz-Wahrheit die Kriterien für Hochkomik fest, das ist schon ok so, als Arbeitsteilung… Ne Quatsch, weißt Du, was ich vermisse auf Twitter: Die Neue Frankfurter Schule, oder meinethalben deren Enkel. Wo bleiben verdammt nochmal meine Buddies Frank Schäfer, Frank Schulz, Gerd Henschel, Rayk Wieland, Wiglaf Droste oder Thomas Gsella, wenn man sie mal braucht? Nur mal so als Beispiele.

  10. Danke Lennard und Manuel fürs Nachreichen der Twitternamen aus dem Braunschweiger Internet! Hm, Manuel, aber ist die Frau Meckel nicht gerade ganz schrecklich ausgebrannt?

  11. @Gerald: Wenn Du sie findest, gib mir ein Zeichen. @ballkultur ist mir zu viel Fußball.

  12. Abgemacht, @Bosch…!

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