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wi² Blog – Wirtschaftsinformatik & Informationsmanagement

Vorlesung “kooperative Webgesellschaft”

“Webgesellschaft” – Vorlesung Dr. Gerald Fricke, Sommersemester 2011

„Was wir von der Gesellschaft und ihrer Welt wissen, wissen wir fast ausschließlich durch die Massenmedien“, so der Soziologe Niklas Luhmann in seiner viel zitierten Betrachtung der ‚Realität der Massenmedien’ (Luhmann 1996, 9). Aber trifft dieses Diktum noch die Realität der im Internet vernetzten Menschen? Von Menschen, die ihr Wissen über die Welt eben nicht mehr über die Tagesschau beziehen, sondern durch ihre Freunde auf Facebook?

In der Vorlesung sind wir von der Vermutung ausgegangen, dass wir uns in einem Transformationsprozess von einer massenmedial geprägten Gesellschaft zu einer Gesellschaft, die durch das Internet geprägt ist, befinden – einer Transformation, die ähnlich bedeutsam ist wie der Übergang von traditionellen Gesellschaften zu den Marktgesellschaften im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, die Karl Polanyi (1978) auf die Formel der ‘Great Transformation’ gebracht hat. Wie wirkt sich diese Transformation zur Webgesellschaft auf die Politik, die Gesellschaft und die Unternehmen aus? Wie können wir die gestaltungsorientierten Ansätze der Wirtschaftsinformatik mit sozialwissenschaftlichen Theorien verbinden? Zur Annäherung an diese Fragen haben wir ein diskursives Verständnis der Webgesellschaft vorgeschlagen (siehe hier), und das kommunikative Handeln (Habermas 1981) durch eine ‘postmoderne’ Sicht erweitert.

(Zum ‘Kommunikationsmanagement’ und der Theorie des kommunikativen Handelns siehe auch den Wiki-Eintrag, der letztes Jahr in der IuK-Veranstaltung entstanden ist, hier).

Wir meinen, dass das Web viele Geschichten erzählt: das Web als Bedrohung, als Verheißung, als großes Geschäft oder als Medium. Diese ‘Erzählungen’ (Lyotard 2006) der Medien und des Web korrespondieren mit der gesellschaftlichen Entwicklung – das Zeitalter der Massenmedien beispielsweise mit einem keynesianisch-fordistischen Gesellschaftsmodell das, sehr verkürzt gesagt, auf Kollektivakteure mit festen Rollen, auf Massennachfrage und Massenkonsum setzt (dazu z. B.: Welzer 2009), so die These.

Aber wie ‘erzählen’ wir die kooperative Webgesellschaft? Dazu haben wir sechs Bereiche genauer betrachtet:

  • Gesellschaft im Web – Facebook als Befreier oder Diktator?
  • Politik im Web – direkte versus repräsentative Demokratie
  • Unternehmen im Web – was ‘bringt’ Social Media?
  • Alles in die Wolke? – meine Daten im Web
  • Geschäftsmodelle im Web – Apple versus Google
  • Leitmedium Internet oder (immer noch) Massenmedien?

Zu jedem Thema haben Studentengruppen jeweils zwei Videos produziert – mit Pro- und Contra-Thesen –  in einer Facebook-Gruppe Material dazu gesammelt, die Ergebnisse in der Vorlesung zur Diskussion gestellt und hier im Blog veröffentlicht (einige Beiträge folgen noch).

Welche Rolle hat zum Beispiel Facebook in der ‘Arabischen Revolution’ im Frühjahr 2011 gespielt? Die Gruppen haben zu den Behauptungen ‘Befreier’ versus ‘Diktator’ Argumente gesammelt und ihre These in einem Video begründet – und damit selber den ‘Stoff’ der Vorlesung geformt, im Netz veröffentlicht und sich um dessen gelungene audiovisuelle Vermittlung gekümmert, so unsere didaktische Überlegung.

Die Webgesellschaft ist also nicht unbedingt und ausschließlich das, was der ‘Lehrer’ den ‘Schülern’ vorliest, sondern das, was wir gemeinsam daraus machen. Auch das “soziale Web” entsteht erst durch seinen Gebrauch. Erst im Web wird „eine massenhafte Nutzung gemeinschaftlich geteilter, interaktiver Medien nicht nur möglich, sondern wirklich“, wie Münker (2009, 10f.) schreibt. Das Internet, so Benkler (2006), ist damit das erste moderne Kommunikationsmedium, das seine Reichweite dadurch vergrößert, dass es wesentliche Strukturen der Produktion und Distribution von Information, Kultur und Wissen dezentralisiert – und damit den ‘Cognitive Surplus’ (Shirky 2010) einer vernetzten Gesellschaft befördert.

Dieses kleine Experiment einer Vorlesung, in der gemeinsam der ‘Stoff’ erstellt wird, hat mir sehr gut gefallen. Und die Ergebnisse können sich ‘sehen’ lassen, im wahrsten Wortsinne. Ich danke allen Teilnehmern für ihre Beiträge!

Gerald Fricke

Literatur

Altvater, E., 2006: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, Münster.
Axelrod, R., 1984: The Evolution of Cooperation, New York.
Barber, B., 1984: Strong Democracy. Participatory Politics for a New Age, Berkeley.
Benkler, Y., 2006: The Wealth of Networks. How Social Production Transforms Markets and Freedom. New Haven Conn. u. a.
Fricke, G., 2001: Von Rio nach Kyoto. Verhandlungssache Weltklima, Berlin.
Fricke, G., Gaedke, Y., Robra-Bissantz, S., 2010: A blog as a concept of direct democracy at TU Braunschweig, iSociety. London
Habermas, J., 1963: Strukturwandel der Öffentlichkeit, Frankfurt/M.
Habermas, J., 1981: Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bde., Bd. 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalsierung, Frankfurt/M.
Latour, B., 2007: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft, Frankfurt/M.
Luhmann, N., 1996: Die Realität der Massenmedien, 2.Aufl., Opladen
Lyotard, J.-F., 2006: Das postmoderne Wissen (hg. von Peter Engelmann), Wien
Morozov, E., 2011: The Net Delusion. How Not to Liberate the World, London.
Münker, S., 2009: Emergenz digitaler Öffentlichkeiten – Die Sozialen Medien im Web 2.0, Frankfurt/M.
Palfrey, J. / Gasser, U., 2008:  Born Digital: Understanding the First Generation of Digital Natives, Cambridge.
Polanyi, K., 1978: Die Große Transformation, Frankfurt/M.
Shirky, C., 2008: Here Comes Everybody: The Power of Organizing Without Organizations, London.
Shirky, C., 2010: Cognitive Surplus. Creativity and Generosity in a Connected Age, New York.
Tapscott, D./Williams, A., 2007: Wikinomics. Die Revolution im Netz, München.
Weinberger, D., 2007: Everything Is Miscellaneous. The Power Of The New Digital Disorder, Times Books.