TU BRAUNSCHWEIG
Symbolfoto
wi² Blog – Wirtschaftsinformatik & Informationsmanagement

“Web 2.0 ist eine Einstellung”

Gestern, in meinem Vortrag über “Kommunikation 2.0”, habe ich eine These an die Wand geworfen, die zu einer kleinen Diskussion geführt hat:

“Web 2.0 ist keine Technik, sondern eine Einstellung”.

Was ich damit meine: Der Begriff “Web 2.0” dient als Projektionsfläche unterschiedlichster Ansprüche, Erwartungen, Sehnsüchte und ökonomischer Interessen, die sich mit dem neuen “Mitmach-Web” verbinden.

Mich erinnert das an die gute alte medienwissenschaftliche Frage, um mal etwas abzuschweifen, was für ein Medium das Internet überhaupt ist oder sein soll (gähn). „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien”, schreibt Niklas Luhmann über die “Realität der Massenmedien”. Der Doppelsinn ist durchaus beabsichtigt: Die Massenmedien existierten real und produzierten gleichzeitig “Realität”. Aber was heißt Realität? Im Sinne der Phänomenologie wird das Wissen über die Welt nicht als Gegenstand, sondern als Horizont vorausgesetzt. Also als unerreichbar. Deshalb bleibt, nach Luhmann, keine andere Möglichkeit, als Realität zu konstruieren, wie es die Massenmedien vollziehen, oder aber die “Beobachter” – eben die Massenmedien – zu “beobachten”, wie sie diese Realität konstruieren. Das letztere zu leisten, schickt sich der Systemtheoretiker an.

Welche Gesellschaft entsteht, wenn sie sich laufend und dauerhaft über die Massenmedien über sich selbst informiert? Luhmanns Antwort: Die Medien erzeugen die “Probleme”, die Lösungen erfordern, die wiederum Probleme erzeugen, die Lösungen erfordern. Die Funktion der Massenmedien liege einzig und allein im Dirigieren dieser Selbstbeobachtung der Gesellschaft; einer “Beobachtung zweiter Ordnung”. Die Massenmedien zögen Kommunikation einerseits an, andererseits stimulierten sie weiterlaufende Kommunikation. Mit unseren armen Worten gesprochen: Solange sich montags alle über die Sportschau unterhalten, stimmt die Gesellschaft. Der Klatsch hält uns zusammen (“Theorie des Gedächtnisses der Gesellschaft”).

So. Und was machen wir jetzt, wo sich jeder User mit seinen Blogs und YouTube sein eigenes Internet-Programm zusammenstellt? In der Systemtheorie spielen Individuen keine Rolle, weil überhaupt und grundsätzlich die Möglichkeit subjektbezogenen Handelns ausgeschlossen wird. Wenn aber die Individuen keine Bedeutung haben, die Systeme nun einmal so sind, wie sie sind, und von außen nicht “gesteuert” werden können, warum sind sie dann so, und wer hat sie überhaupt geschaffen: Gott oder Luhmann?

Was ich sagen möchte: Denken in Systemen läßt radikale Eingriffe oder Umbrüche eben nicht zu. Und eher keine angemessene “Einstellung” zum Web 2.0. Oder? Ende des Exkurses.

Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien, 2.Aufl., Opladen 1996.

Kommentare

  1. Tja, da haben wir den Salat.

    Nun hat sich der Wirtschaftsinformatiker an sich mühsam dazu durchgerungen, dass er es mit einem Forschungsgegenstand zu tun hat, der nicht allein gestaltet werden kann – wie es viele design-orientierten Fächer, z. B. alle Ingenieurwissenschaften, vorschlagen – sondern der auch erklärt werden soll. Wir haben hier ein wissenschaftliches Seminar, das empirische Studien zur Erklärung unserer Welt der WI anregt und daneben Innovationsseminare und E-Business-Projekte, die wirklich gestalten.

    Und nun ist Web 2.0 eine Einstellung? Was soll nun der Forscher tun, der dies erklären soll? Aufgeben und wieder einfach einmal gestalten und neue Blogs und so einführen und (wenn überhaupt) sehen was passiert?

    Vielleicht geht es ja so, dass wir davon ausgehen, dass es eine reale Welt außerhalb der konstruierten gibt – dass wir tatsächlich versuchen können zu verstehen, und objektiv zu erklären, was Web 2.0 bedeutet. Das ist sicher nicht allein Technologie, sondern auch viel über das Individuum, das mit der Technologie Schritt für Schritt besser zu recht kommt. Aber das kennen wir ja schon, das unterscheidet uns vielleicht vom Informatiker, der häufig die Automatisierung unabhängig vom Mensch voran treiben darf.

    Problem ist nun natürlich, dass sich diese reale Welt heute viel schneller und viel stärker beeinflusst von jedem Einzelnen ändert. Und das jede neue Gestaltung die reale Welt wieder ändern kann. Was eine wirklich objektive Erkenntnis mit jahrelangen Studien schwer macht. Wieder aufgeben?

    Nein. Statt dessen die Besonderheit der Wirtschaftsinformatik erst recht akzeptieren. Nicht müde werden darin, die Welt aus Menschen, ihren Aufgaben (im Unternehmen) und ihren Technologien erklären zu wollen. Und das in eher begrenzten Studien – es kann sowieso immer nur ein temporäres Verstehen sein. Und darauf aufbauend sinnhaft gestalten, mit neuen Erkenntnissen neue Ansätze auch im Web 2.0 schaffen. Und dann sehen, was neue Konzepte wieder mit Mensch/Aufgabe/IT machen. Und wieder erklären – und dabei nicht aus den Augen verlieren, dass wir Web 2.0 außer als Massenmedium auch als Kommunikationsweg und damit als Mittel für das Unternehmen sehen, seinen Erfolg zu steigern. Das ist vielleicht genau der Weg der in Zyklen (sind das vielleicht sogar kleine hermeneutische Zirkel?) die gestaltungsorientierte mit der positivistischen (auf Erklärung gerichteten) Forschung verbindet.

    Alles klar? Weitere Einsichten in die krude Welt der Forschung in der WI folgen im wissenschaftlichen Seminar am 23.5. um 14 Uhr. Ich freue mich über alle Besucher – auch abgesehen von den Seminarteilnehmern!

    Von srobra am 2. Mai 2008 um 12:52 Uhr
  2. Web 2.0 ist beides, Einstellung und Technik. Die Technik gibt uns neue Kommunikationsmöglichkeiten, über die wir vorher noch nicht nachgedacht hatten. Jetzt muss sich jeder Gedanken über die Folgen und Potentiale dieser Möglichkeiten machen und dementsprechend eine Einstellung dazu bekommen.
    Für Wirtschaftsinformatiker sollte es doch gerade interessant sein eine technische Komponente mit sozialwissenschaftlichem Hintergrund zu betrachten, und das ganz wissenschaftlich. Wer wäre wohl besser geeignet?

  3. Hallo Susanne, mit “Einstellung” meine ich zum Beispiel den Versuch eines Unternehmens seine Kommunikation zu “kontrollieren”, Austausch zu fördern oder zu behindern, Mitarbeitern zu vertrauen oder sie zu gängeln etc. Werden Kundenbeschwerden im Papierkorb oder im Ordner “Anregungen und Ideen” abgelegt?
    Einem Unternehmen, dass seine Mitarbeiter mit Kameras überwacht würden wir zum Beispiel ein Corporate Blog nicht wirklich “abnehmen”. Weil wir annnehmen müssten, das dieses Unternehmen auch das “Mitmachen” im Web eher als Gefahr und Bedrohung denn als Erfolgsfaktor ansieht.
    Natürlich lassen sich Einstellungen von Individuen, auch von Institutionen (die sind schließlich auch von Menschen “gemacht”) untersuchen und erklären, mit begrenzter Reichweite. Aber eher handlungstheoretisch und empirisch, nicht unbedingt systemtheoretisch (wenn man “gestaltungsorientiert” an die Sache rangehen will).
    Also: wir sind uns handlungseinig…!

  4. Hi Ulf, danke, so sieht das aus, geeeenau so… Deshalb finde ich es auch müßig darüber zu diskutieren, was denn wirklich technologisch “neu” ist beim neuen Web. “Web 2.0” ist das, was die Leute daraus machen, Punkt…

  5. Hi Jungs,

    dann sind wir ja zusammen – also ran an den Speck – neue Potenziale, Einstellungen und neues Verhalten. Und wir sind aufgerufen das zu erklären und zu gestalten. Und auch mal zu sehen, wie sich die Einstellung einer Uni so zusammen setzt… Freue mich schon drauf (und schon drüber)…

    Von srobra am 2. Mai 2008 um 18:19 Uhr

Trackbacks / Pings

  1. Trackback URl →