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Webgesellschaft – Geschäftsmodelle im Web: Eine neue Remix-Kultur?

Sarah Lehneke, Sina Rahlfs, Claudia Siatkowski, Joachim Haucke – eine neue Remix-Kultur? 
Last but not least stand unter der Überschrift “Geschäftsmodelle im Web” die Frage nach der Remix-Kultur in der Webgesellschaft im Fokus der Vorlesungsstunde am 13.7.2012. Essentiell ist bei dem Remix-Begriff aus unserer Sicht der Verweis auf einen kontinuierlichen Prozess der Bearbeitung (von Werken oder Werkfragmenten). Grundlegend für unsere Auseinandersetzung mit diesem Thema waren unter anderem die Thesen des Schweizer Kulturtheoretikers und Publizisten Felix Stalder (Felix Stalder, 2009: Neun Thesen zur Remix-Kultur; hier als PDF):
  1. Saturierung der Kultur mit Medienobjekten ist Voraussetzung für Remixing
  2. Meta-Medium vernetzter Computer bringt alle Medien zum Punkt der Saturierung
  3. Jedes neue Werk enthält Elemente bestehender Werke. Remixing macht diesen Prozess explizit
  4. Die produktive Praxis der Remix-Kultur ist kooperativ/verteilt anstatt individuell/zentralisiert
  5. Die Ontologie des Remix ist flach
  6. Der Remix senkt die Hürde der Produktion und erweitert den Kreis der Produzenten
  7. Die Grenze zwischen professioneller und Amateurkultur verschwimmt
  8. Die Grenzen zwischen Produktion, Distribution und Konsumption verschwimmen
  9. Attribution, Kontrolle und Vergütung differenzieren sich aus.

In Bezug auf die Webgesellschaft war für uns die achte These von zentralem Interesse. Denn in der vom Fordismus geprägten und klar strukturierten und organisierten Arbeitswelt sowie in der Kulturindustrie waren die genannten Bereiche der Produktion, Distribution und Konsumption noch deutlich voneinander separiert. In der Kultur des Remixes verschwimmen die Grenzen der einzelnen Bereiche, nicht zuletzt durch die sich stärker ausbreitende Vernetzung der Welt.


Auf der technischen Seite verweist Stalder auf die Unzertrennlichkeit (beide Prozesse finden nebeneinander statt) von Upload (Distribution) und Download (Konsumption) welche sich im Bittorent-Protokoll äußert (vgl. ebd., S.22.).  Komplex und beschwerlich wird es, wenn man den Fokus von der technischen auf die rechtliche Seite setzt. Das Urheberrecht steckt hier klare Grenzen ab, die die Schneide zwischen legal und illegal benennen. Dieses Gesetz wurde im Jahre 1965 beschlossen. Was im Kontext einer Webgesellschaft auffällt, ist sogleich der Fakt, dass es in diesem Jahrzehnt noch keine weitreichenden Gedanken zu Computern und dem Internet (im Jahre 1990 entwickelte Tim Berners-Lee das World Wide Web am Forschungszentrum CERN) gab. Aus diesem Grund drängt sich einem die Frage auf, ob das Urheberrecht noch zeitgemäß ist und auch weiterhin auf die sich entfaltende Webgesellschaft übertragen und anwenden lässt, oder ob eine Umstrukturierung von Nöten ist.

Hierbei lohnt sich ein Blick hin zu bereits bestehenden Ansätzen, die die Veränderung der Gesellschaft und die Digitalisierung der Welt bereits mit einbeziehen. Der amerikanische Jurist Lawrence Lessig stellte im Jahre 2001 mit der Idee der Creative Commons ein alternatives urheberrechtliches Lizenzmodell zur Verfügung. Auf der deutschen Website kann man sich folgendermaßen informieren:

„Creative Commons ist eine Non-Profit-Organisation, die […] Veröffentlichung und Verbreitung digitaler Medieninhalte anbietet und fortentwickelt. Einfacher ausgedrückt bietet CC eine Reihe von Standard-Lizenzverträgen an, die zur Verbreitung kreativer Inhalte genutzt werden können. CC ist dabei selber weder als Vertreter noch als Verleger von Inhalten tätig und ist auch nicht Vertragspartner von Urhebern und Rechteinhabern, die ihre Inhalte unter CC-Lizenzverträgen verbreiten wollen.“

Um die Debatte nach der Forderung eines sich verändernden Urheberrechts zu illustrieren, wird oftmals der Begriff der Allmende verwendet. Dieser stammt aus dem Mittelhochdeutschen und benennt ursprünglich das Gemeinschaftseigentum der Dorfbewohner und deren Gebrauch. Aktuell findet der Terminus im digitalen Raum seine Verwendung, wenn es um den Umgang mit Informationen im Internet geht. Dieser Verweis administriert einen freizügigeren Umgang mit kreativen und informativen Inhalten, die für die Öffentlichkeit Grundlage oder zumindest Teil ihres eigenen kulturellen Schaffens darstellen können. Hieraus lässt sich das Prinzip einer Wissensallmende ableiten, welches besagt, dass Wissen nicht verschlossenes geistiges Eigentum, sondern Ausgangspunkt, Überlieferung oder Weiterführung für das Schaffen einer breiteren Gesellschaftsgruppe sein sollte. In diesem Zusammenhang taucht bei Oliver Moldenhauer, Benedikt Rubbel und Sebastian Bödecker der Ausdruck der sogenannten Kulturflatrate  auf. Hierbei wird auf ein „Pauschalvergütungssystem“ verwiesen. Weiterhin wird dieses Verfahren beziehungsweise dieser Ansatz auch als Fair-sharing oder Contentflatrate bezeichnet.

Doch werden das Kopieren und das Remixen nicht ausschließlich in der Kulturindustrie betrieben. Auch differenzierte Bereiche, wie Fußball oder Medikamentation (sogenannte Generika) in den Dritte-Welt-Ländern sind betroffen und verschieben die Argumentation von Urheberrecht und Patenten. Beispielsweise wird Lionel Andrés Messi „nicht als Plagiator gescholten […]“ (Gehlen, Dirk von, 2011: Mashup. Lob der Kopie, Berlin, S.11.), als er im Jahre 2007 ein Tor von Diego Armando Marando aus dem Jahr 1986 „kopiert“. Vielmehr wird er zu einem gefeierten Helden der spanischen Presse und sein Tor gilt als Beweis für die Schönheit einer Kopie.

Auch in Bezug auf die Generikaproduktion rückt Dirk von Gehlen in seinem Buch die Bedeutung der Kopie in ein anderes Licht und entzieht sie somit ihrem weitläufigen Negativ-Image. Der Autor verweist auf Ärzte ohne Grenzen, die das Medikamenten-Mashup als äußerst vorteilhaft beschreiben: „Generika sind nicht alles in der Aids-Therapie […], aber ohne Generika ist alles nichts. […] Kopien sind für die gesamte HIV/Aids-Behandlung in ärmeren Ländern unverzichtbar. Mehr als 85 Prozent der HIV/Aids-Medikamente, mit den Ärzte ohne Grenzen Patienten behandelt, sind indische Generika“ (Ebd. 2011, 93f.).

Mit diesem kleinen Exkurs wollten wir euch aufzeigen, dass die Bedeutung der Kopie nicht immer negativ behaftet sein und als „Schwarz-Weiß-Analogie“ betrachtet werden muss. Außerdem führt die Kopie, auch bei aktueller Brisanz, wie der lauter werdenden Stimme der Piratenpartei („Kopieren ist ein Grundrecht, das durch die ‚Freiheit des Wissens‘ begründet ist“) und der Ablehnung von ACTA  im EU-Parlament, durchaus auch über den kreativen Aspekt, der vordergründig die Film-, Musik- und Softwareindustrie betrachtet, hinaus.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Urheberrecht, wie es derzeit in Deutschland angewandt wird, veraltet und dem digitalen Zeitalter sowie der zunehmenden Vernetzung und Verbreitung von Informationen und anderen (kulturellen und kreativen) Inhalten als nicht mehr angemessen erscheint. Es muss ein Umdenken erfolgen. Creative Commons, Kulturflatrate und Open-Source-Anwendungen können hier richtungsweisend erscheinen.
Wir hoffen, dass wir auch unter euch eine Debatte anregen konnten und ihr manche Aspekte dieses großen Themas der Remix-Kultur mit anderen Augen seht und hinterfragt. Für eine weitere Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex wollen wir euch gerne nochmals auf unsere im Vorfeld gegebenen Literaturhinweise aufmerksam machen. Diese findet ihr bei studip unter der Veranstaltung Webgesellschaft.
Wer allerdings generell einen Überblick über das Thema und den gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund der Kopie erfahren möchte und gerne populärkulturelle Beispiele zur Verdeutlichung wünscht, dem sei „Mashup. Lob der Kopie“ von Dirk von Gehlen wärmstens ans Herz gelegt.
Wir hoffen, ihr hattet und habt Spaß mit unserem Video und der Präsentation und für weitere Fragen, Anregungen und Ergänzungen sind wir euch dankbar!

Herzliche Grüße, eure Gruppe 12 (Sarah, Sina, Joachim und Claudia)!

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  2. wi²-Blog @ TU Braunschweig 21. August 2012 at 02:19