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Webgesellschaft und die “Zukunft der Arbeit”

In unserem Pecha-Kucha Vortrag in der Webgesellschafts-Vorlesung haben wir das Thema „Die Zukunft der Arbeit“ in einem Diskurs erörtert. Dabei haben wir uns näher mit der „Entgrenzung der Arbeit“ und dem „bedingungslosen Grundeinkommen“ beschäftigt – Michael Bier, Nils Dietzsch, Julia George, Fabienne Niewerth, Oliver Rod.

Neue Technologien wie Internet, Laptop und Mobiltelefon haben unsere Art zu arbeiten in den letzten Jahren entscheidend verändert: Wir können inzwischen immer und überall arbeiten. Diese Entwicklung birgt jedoch nicht nur die Chance auf selbstbestimmtes Arbeiten, sondern auch das Risiko, dass alle Lebensbereiche den Anforderungen der Erwerbsarbeit untergeordnet werden, wodurch eine Grenzziehung zwischen Berufs- und Privatleben erschwert wird.

Arbeit ist in den letzten Jahren deutlich vielfältiger und heterogener geworden. Die wesentlichen Veränderungen sind neben einer Pluralisierung von Arbeitsformen die zunehmende Flexibilisierung von Arbeitszeiten- und orten sowie die Deregulierung von Arbeitsver-hältnissen. Oft ist auch von einer „Entgrenzung der Arbeit“ die Rede.
Dabei lösen flexible Arbeitsmodelle wie variable Wochenarbeitszeit, Gleitzeit oder Vertrauensarbeitszeit die ehemals fest organisierten, gleichförmigen Modelle ab. Die Normalarbeit wird also zunehmend durch neuere, flexiblere Arbeitsmodelle substituiert. Auch der Internetexperte Sascha Lobo bezeichnet die Festanstellung als ein „auslaufendes Modell“.

Viele Arbeitnehmer sehen in der Entwicklung hin zu flexiblen Arbeitsmodellen klare Vorteile: Die flexible Zeiteinteilung ermöglicht ihnen, ihre Arbeit den eigenen Bedürfnissen und Interessen anzupassen. Die Arbeit kann nach dem eigenen Lebens- und Biorythmus ausgerichtet werden, was für mehr Zufriedenheit und Ausgeglichenheit sorgt und dem Menschen mehr Zeit und Raum zur persönlichen Entfaltung lässt. Gerade Eltern können so ihrer Arbeit nachgehen und ihre Karriere verfolgen, ohne ihre Familie vernachlässigen zu müssen – besonders für Frauen ist diese Entwicklung von großer Bedeutung.
Viele sehen in diesen Entwicklungen aber auch die wachsende Gefahr von Ausbeutung und Burnout. Besonders Arbeitsmodelle wie Vertrauensarbeitszeit führen dazu, dass viele Arbeitnehmer weit über das normale Pensum hinaus arbeiten und ihre Familien vernachlässigen. Die ständige Erreichbarkeit und die Zunahme der Arbeit zu „unsozialen Zeiten“ tragen ebenfalls dazu bei, dass Arbeitnehmer immer weniger am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Die aufgrund der erschwerten Grenzziehung zwischen Arbeitszeit und Freizeit fehlende Work-Life-Balance führt nicht selten zu Unzufriedenheit und Erschöpfung und endet früher oder später in physischen oder psychischen Krankheiten wie Burnout. Modelle wie befristete Arbeitsverträge bringen Risiken wie finanzielle Unsicherheit mit sich und belasten die Arbeitnehmer zusätzlich.

Die Risiken und Probleme, welche durch die Entgrenzung der Arbeit entstehen, könnten durch das bedingungslose Grundeinkommen minimiert werden. Die Arbeitnehmer würden zum einen durch ein Grundeinkommen bei den Verhandlungen über die Arbeits-bedingungen mit den Arbeitgebern auf Augenhöhe sein. Zum Anderen würde durch die Existenzsicherung auch mehr Menschen die Möglichkeit gegeben, selbstständig einer Arbeit nach zu gehen, welche nicht nur Beschäftigung, sondern auch Selbsterfüllung ist. Vielen der durch die Entgrenzung der Arbeit entstehenden Probleme wie Burnout könnte so vorgebeugt werden. Das bedingungslose Grundeinkommen bietet also eine gute Möglichkeit, auf die Veränderungen am Arbeitsmarkt zu reagieren.

Im Anschluss an unseren Vortrag stellten wir unserem Diskurs entsprechend folgende zwei Thesen zur Diskussion:

These I: Die Entgrenzung der Arbeit sorgt für Stress und soziale Verarmung. Das ist der Niedergang der Gesellschaft!

These II: Das Bedingungslose Grundeinkommen bildet die Grundlage für Selbstverwirklichung und Glück in unserer Zukunft der Arbeit!

Wie auch in unserem Diskurs waren die Seminarteilnehmer verschiedener Meinung:
Während einige in den neuen, flexibleren Arbeitsmodelle die Chance für jeden einzelnen sehen, ein selbstbestimmtes (Arbeits-)Leben zu führen, fürchtet die Mehrheit die Gefahr von Ausbeutung und Überlastung. Viele stellten sich die Frage, wie eine Grenzziehung zwischen Arbeit und Freizeit ohne Gesetze wie das durch den VW-Betriebsrat durchgesetzte E-Mail-Verbot nach Feierabend überhaupt noch möglich sein solle. Andere hingegen würden sich hierdurch ganz klar in ihren Rechten auf selbstbestimmtes Arbeiten beschnitten sehen.
Besonders dem Bedingungslosen Grundeinkommen standen viele sehr kritisch gegenüber: Neben der Frage der Finanzierung wurden vor allem Zweifel daran laut, ob dann überhaupt noch jemand arbeiten gehen wollen würde. Zwar stimmten alle darin überein, dass sich vor allem für Geringverdiener die Situation maßgeblich verbessern würde. Einen Mehrgewinn für Besserverdiener befanden viele jedoch für fraglich.

Insgesamt waren sich alle einig, dass die derzeitigen Entwicklungen hin zu flexibleren Arbeitsmodellen sowohl Chancen als auch Risiken für jeden einzelnen mit sich bringen. Dabei liegt es an uns, diesen Prozess aktiv mitzugestalten!

Was denkt ihr? Ist Arbeit etwas, wovor der Einzelne geschützt werden muss, oder ist Arbeiten ein Privileg? Ist das Bedingungslose Grundeinkommen nur eine Forderung von Menschen, die so oder so niemals wirtschaftlich für unsere Gesellschaft leisten würden?

Zu den verwendeten Quellen

Kommentare

  1. Möchtet ihr euch gerne weiter zu den Theman „Entgrenzung der Arbeit“, „Bedingungsloses Grundeinkommen“ und „Zukunft unserer Arbeitswelt“ informieren?
    Dann schaut doch mal hier rein!
    – Informationen und den Trailer zu einem Theaterstück zur Entgrenzung der Arbeit von der Schaubühne findet ihr hier:
    http://www.schaubuehne.de/de_DE/program/repertoire/471822

    – Einen guten Einblick in die Entgrenzungsdebatte bieten außerdem die ersten beiden Seiten des folgenden Interviews mit Prof. Dr. Voß:
    http://www.tu-chemnitz.de/hsw/soziologie/institut/file-show-X2Rvd25sb2FkX2Rlcl9JbnRlcnZpZXdzX2Z1ZXJfREdTdl9ha3R1ZWxsX3BkZl9WZXJzaW9uXy5wZGY=-ABUHDysaAgsHAwwZWx4FERMFAQgTAEtUVldLVFJTQjZXVVxGUFU4GhsQAxUeGgcBVhMFEUEGARFdFwIV.pdf

    – Über das bedingungslose Grundeinkommen könnt ihr euch auf den folgenden Seiten informieren:

    * “Interaktive Dokumentation über das BGE”:
    http://www.bge-interaktiv.de/34.html

    * ”Der Lohn der Angst”:
    http://www.brandeins.de/magazin/nie-wieder-vollbeschaeftigung/der-lohn-der-angst.html

    – Und wer noch ein bisschen mehr über das Thema “Bedingungsloses Grundeinkommen” und wie das Ganze funktionieren soll erfahren möchte, findet hier ein schönes & unterhaltsames Filmchen darüber:
    http://www.youtube.com/watch?v=wZWPK81oYec

    Von Julia George am 26. Juni 2012 um 11:53 Uhr
  2. Das die Entgrenzung der Arbeit auch für die Politik ein aktuelles Thema ist sieht man hier:

    http://www.sueddeutsche.de/karriere/erreichbarkeit-bei-der-arbeit-von-der-leyen-will-arbeitnehmer-vor-computerstress-schuetzen-1.1380168

    Es stellt sich die Frage, ob Arbeit etwas ist wovor der Mensch geschützt werden muss?

    Ich denke, dass jeder Mensch durchaus selbstverantwortlich handeln kann und Regeln eher hinderlich sind.

    Von Nils Dietzsch am 26. Juni 2012 um 14:39 Uhr
  3. Da wäre ich gern dabei gewesen. Es wird nicht ausdrücklich gesagt, aber dem Text liegt implizit die Prämisse zu Grunde, dass Arbeit immer eine Last ist, oder? Manche Menschen arbeiten auch einfach gern, weil sie für sich das Richtige gefunden haben und darin aufgehen.

  4. Genau dieser Aspekt, ob bzw. dass Arbeit etwas Gutes ist, war ein zentraler Punkt unserer Diskussion nach dem Vortrag!
    Leider ist Arbeit heute immer eng mit Begriffen wie “Stress”, “Belastung” oder “Work-Life-Balance” verknüpft – dass Arbeit tatsächlich etwas ist, worin Menschen aufgehen sollten, wird kaum diskutiert. Politische Debatten führen immer mehr dahin, dass Arbeitnehmer vor Belastungen geschützt werden müssten. Dass es auch Arbeitnehmer gibt, die ihre Arbeit nicht als Last sehen, ist dabei meist nicht berücksichtigt. Diesen Menschen nimmt man mit Beschränkungen wie “Keine Emails mehr nach 18 Uhr” oder “Maximale Wochenarbeitszeit von 35 Stunden” die Möglichkeit sich in ihrer Arbeit auszuleben und darin aufzugehen, was sie tun (wollen!).
    Die beiden Figuren aus dem Vortrag sollen diese Spaltung widerspiegeln: Eine Figur macht im Diskurs deutlich, dass sie mit der Arbeit eine Pflichterfüllung verbindet, die andere Figur lässt Arbeit und Freizeit jedoch ineinander übergehen und verknüpft beides.

    Von Julia George am 26. Juni 2012 um 17:57 Uhr
  5. Jetzt ärgere ich mich erst recht, dass ich nicht dabei war 🙁

  6. Toller Auftritt, schöner Eintrag, vielen Dank an die Gruppe!

    Ich glaube, dass man an Eurem Pro- und Contra-Diskurs gut sehen kann, dass es eben immer darauf ankommt, wie wir “Arbeit” definieren, als Sinnstiftung und Berufung oder als Erwerbsarbeit und große Last, die es zu “überwinden” gilt. Oder alles höchst dialektisch und gleichzeitig und überhaupt.

    Wir können die “Zukunft der Arbeit” auch als großes neoliberales Ausbeutungsprojekt lesen, oder auch – entgegengesetzt – als eine Geschichte der großen Befreiung erzählen, wie das etwa die Hedonistische Internationale macht (“Recht auf Faulheit”). Um mal in einem Satz zwei konträre Sichtweisen zu skizzieren. Oder wir entlarven Sascha Lobos und Holm Friebes “Wir nennen es Arbeit” als reine essayistische Bohème-Selbstapotheose – alles mehr oder weniger berechtigte Interpretationen, meine ich.

    Fest steht aber, dass wir auf dem Weg zu einer durch das Web geprägten Gesellschaft nicht mehr so an festen Orten, ob an Hochöfen oder in den Fabriken, und zu festen Zeiten in festgezurrten “Abteilungen” werden arbeiten können und wollen, wie das zu Zeiten einer vornehmlich durch Massenmedien, Massenkonsum und Massenproduktion geprägten Gesellschaft der Fall ist oder gewesen ist. Um es einmal pointiert zu sagen.

    Ursprünglich ging es in der Debatte um das “Ende der Arbeitsgesellschaft” (André Gorz) um die Frage, wie die Industriegesellschaft damit umgeht, dass “uns” die Industriearbeit “ausgeht”. Heute haben wir durch das Web ganz neue Möglichkeiten der Vernetzung. Die “Große Transformation” (Polanyi) zur Webgesellschaft umfasst aus meiner Sicht vier große Bereiche, die ich in der Veranstaltung angesprochen habe: Den Wandel von einer massenmedialen zu einer fragmentierten Öffentlichkeit. Die einsamen Entscheidungen an der Spitze werden immer häufiger abgelöst durch dezentrale Aushandlungen, der repräsentative Parlamentarismus wird durch eine direkte Demokratie ergänzt (ob es uns gefällt oder nicht), Kollektivakteure mit klaren Interessen (wie die Unternehmen) immer stärker durch Individuen in pluralen Rollen abgelöst, so meine Vermutung. Diese Transformation verläuft natürlich nicht immer reibungslos und ohne Konflikte. Aber genau diese Konflikte müssen eben auch gesellschaftlich ausgetragen werden, auch im Web.

    Mich interessiert in der Veranstaltung daher in erster Linie die Frage, wie es mit der Arbeit in der “Webgesellschaft” weiter gehen soll – und die Frage, ob und wie wir hier die Geschichte der Kooperation, also der “Zusammenarbeit” (!), erzählen können. Wir bleiben dran…!

  7. Zum Thema Zukunft der Arbeitswelt unter dem Banner des Webs empfehle ich wärmtens das Buch “Aufbrechen” von Gunter Dueck.

  8. Guter Tipp… Danke, Oliver!

  9. Aktuelle Hart aber Fair Folge 02.07.2012:
    Thema: “Mit dem Handy noch ins Bett – wenn der Job die Freizeit frisst”

    Gäste:

    Ursula von der Leyen, CDU
    Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Mitglied des Präsidiums der CDU Deutschlands.

    Joachim Sauer
    Präsident Bundesverband der Personalmanager (bpm)

    Leni Breymaier
    ehem. Verkäuferin im Einzelhandel

    Matthias Onken
    Journalist, kündigte mit Ende 30 seine Festanstellung und arbeitet heute freiberuflich.

    Alexander Cisik
    Arbeitspsychologe; Professor für Wirtschafts-, Organisations- und Arbeitspsychologie an der Hochschule Niederrhein, Mönchengladbach.

    Das Video von der letzten Hart aber Fair Folge ist online:
    http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/index.php5
    (Direktlink geht leider nicht.)

    Hier als Podcast:
    http://gffstream-3.vo.llnwd.net/c1/m/1166043649/hartaberfair/wdr_hart_aber_fair_20120702.mp3

    Kommentar von der Welt zu der Folge:

    http://www.welt.de/fernsehen/article107690555/Handy-Aus-Heuchelei-weckt-Wunsch-nach-Funkstille.html

    Entgrenzung ist noch ein aktuell diskutiertes Thema!

    Von Nils Dietzsch am 3. Juli 2012 um 7:31 Uhr

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