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wi² Blog – Wirtschaftsinformatik & Informationsmanagement

Wenn Unternehmen zwitschern…

Vor etwa einem Jahr fing ich ernsthaft an, mir Gedanken zu meiner bevorstehenden Magisterarbeit zu machen. Ein aktuelles, möglichst spannendes und modernes Thema sollte es sein, schließlich muss ich mich ein halbes Jahr intensiv damit beschäftigen. Aktuell und modern – da kommt man heutzutage kaum noch um Zweipunktnull herum. Also sprang ich auf den Zug auf und stieß schnell auch auf Twitter. Oder zu Deutsch: Gezwitscher. Klingt irgendwie seltsam. Die Idee ist ja ganz witzig: mit nur 140 Zeichen schreiben, was man gerade macht – mal was anderes. Aber was soll mir das auf Dauer bringen? Wozu soll ich wissen, wer gerade wo seinen 3. Kaffee schlürft oder sein Butterbrot heute mal mit ganz normalem Käse belegt. Naja, egal – erst mal ausprobieren…

Was soll ich sagen: Mittlerweile habe ich meine Magisterarbeit zum Thema „Microblogging in der Unternehmenskommunikation“ angemeldet. Muss also etwas dran sein an dem Thema – zumindest für mich.

Unglaubliche Zahlen geisterten in den letzte Monaten durchs Netz: 1.382% mehr Twitterer als noch vor einem Jahr sollen im Mai 2009 beim Microblogging-Dienst angemeldet sein. Des Weiteren wird Twitter mehr und mehr auch von den sog. klassischen Medien (kurze Frage zwischendurch: Zählt das Internet nicht auch mittlerweile längst zu diesen klassischen Medien – wie lang soll es denn noch als neues Medium behandelt werden?) als Thema aufgenommen. Besonders bei unvorhersehbaren Ereignissen (Amoklauf in Winnenden) kann der Zwitscherdienst seine besondere Stärke ausspielen und weiß am schnellsten von den Geschehnissen zu berichten.

Der Hype scheint also bei uns anzukommen und dauert an. Und wo der Hype ist, da sind die Unternehmen meist nicht weit. So natürlich zurzeit auch in Deutschland. Der CEO der Münchener PR-Agentur „Talkabout“ Mirko Lange hat dazu vor kurzem eine Liste deutscher twitternder Unternehmen erstellt, die zeigt, dass immer mehr auf den Zug aufspringen. Doch wie viel Klasse steckt in dieser Masse?

Zunächst einmal fällt auf, dass es vor allem zwei grobe Konzepte zu geben scheint:
1.) Das Unternehmen nutzt Twitter als reinen Informationspush-Kanal. Pressemitteilungen und Unternehmensinfos (bzw. Links darauf) werden in die Twittersphäre gedrückt. Hier scheint man sich noch nicht so recht der Möglichkeiten bewusst zu sein. Was oft bei solchen Accounts auffällt, ist die geringe Anzahl der selbst verfolgten Personen („Following“). Ein Dialog mit den Followern kommt kaum zustande.

2.) Das Unternehmen nutzt Twitter zur Kommunikation mit seinen Followern, also der Zielgruppe. Es geht auf Fragen und Kritik ein und twittert teilweise auch aus dem persönlichen Bereich bzw. gewährt einen „Blick hinter die Kulissen“. Das schafft Authentizität, Nähe und damit im optimalen Fall Sympathie. Leider sind diese Unternehmen in Deutschland noch in der Unterzahl. (gute Beispiele: @mymuesli, @vodafone_de, @sausalitos, …)

Ein kurzer Blick in die USA zeigt aber bereits genügend gute Beispiele, wie Twitter sinnvoll genutzt werden kann. Die Airline JetBlue (@JetBlue) gibt über den Kanal Reisetipps, bietet einen schnellen Kundenservice (schneller als über jede nervige Telefonhotline!) und geht auf Fragen und Kritik ein. Starbucks (@Starbucks) holt sich über Twitter Feedback von seinen Kunden, beantwortet Fragen und gibt Informationen zu seinen neuen Produkten. Dell nutzt den Kanal sogar für den Verkauf, als eine Arte Resterampe, und konnte so bis Ende 2008 bereits einen Umsatz von über 1 Mio. US Dollar über Twitter generieren.

Aber auch viele andere Anwendungsbereiche sind für Unternehmen denkbar. Intern lässt sich Microblogging (hier bietet z.B. Yammer schon mehr Vorteile als Twitter) im Projektmanagement einsetzen. Die externen Möglichkeiten befinden sich u. a. im Marketing, Monitoring (die Twitter-Suche ist eine der großen Stärken), CRM oder der Liveberichterstattung von Events.

Kennt Ihr noch weitere gute Beispiele für Anwendungsgebiete? Oder vielleicht sogar positive Beispiele für „Corporate Twitterer“? Ich bin über jeden Hinweis glücklich…

Markus Krüger

Kommentare

  1. Herzlich willkommen in der Web 2.0 Forschung lieber Markus! 🙂 Da ich mich momentan selbst mit Web2.0 in Bezug auf das Lernen an der Hochschule beschäftige, bin ich etwas “drin” im Thema und kann dir gerne ein paar Tipps geben.
    Stefan Keuchel, Sprecher von Google Deutschland twittert auch unter @frischkopp und hat im Mai bereits einen interressanten öffentlichen Vortrag zu Googles Erfolgstory an der FH Braunschweig/Wolfenbüttel gehalten (ich war da und war sehr angetan). Er nutzt Twitter sowohl beruflich als auch privat und vermittelt einen sehr welt-offenen und sympathischen Eindruck.
    Im Bereich des Wissensmanagements und Social Communities gibt es bereits erste Forschungs-Ansätze. Als Tipp kann ich dir geben, diverse Blogs/Tweets von Wissenschaftlern und Experten zu abonnieren.
    Sehr empfehlenswert ist der Business2.0-Blog von Andrea Back, die sogar eine Vlog-Serie mit Beispielen aus der Praxis über Kommunikation2.0 geführt hat. Für dich interessant sind dabei evtl. die drei Beiträge über Twitter mit Herrn Hogenkamp:
    http://www.business20.ch/2009/04/17/microblogging-puzzleteil-zwischen-wiki-und-instant-messaging-teil-10-von-13/
    und
    http://www.business20.ch/2009/05/01/microblogging-was-so-am-tag-gezwitschert-wird-teil-11-von-13/
    sowie
    http://www.business20.ch/2009/05/08/microblogging-unaufdringlich-effektiv-aber-schwer-zu-erklaeren-teil-12-von-13/

    Interessant wäre vielleicht auch der Weiterbildungsblog von Jochen Robes. Er hat auch einen kurzen Newsletter-Beitrag über Twitter geschrieben:
    http://www.weiterbildungsblog.de/2009/06/12/twitter-immer-auf-dem-laufenden/
    oder hier: “Funktioniert Micorblogging auch in Unternehmen?”
    http://www.weiterbildungsblog.de/2009/05/07/twitternde-mitarbeiter-funktioniert-microblogging-auch-in-unternehmen/
    Wichtig für dich wäre vielleicht dich zu spezialisieren. Willst du dich mit der externen Unternehmenskommunikation/Marketing oder eher mit der internen Kommunikation/Wissensmanagement/Social Networking beschäftigen?
    In Bezug auf letzteres kannst du dich gerne an mich wenden. Ich hätte vielleicht noch ein paar mehr Links und Literatur für dich. 🙂

    Viel Spaß und vor allem viel Erfolg wünsche ich dir!

  2. Vielen Dank für die nützlichen Tipps, die Blogs werde ich mir auf jeden Fall mal genauer anschauen. Stefan Keuchel folge ich sogar bereits auf Twitter, sicherlich wäre es interessant ihn im Rahmen meiner Arbeit zu befragen.
    Ich werde in meiner Magisterarbeit die interne und externe Unternehmenskommunikation beleuchten, da ich in beiden Bereichen wichtige Anwendungsmöglichkeiten sehe. Doch mir ist bereits aufgefallen, dass scheinbar der interne Nutzen noch weniger stark von Unternehmen erkannt wird – die Gründe gilt es herauszufinden 😉

    Vielen Dank auf jeden Fall, ich geb mir weiterhin Mühe und komme dann mal ggfs. auf dein Angebot zurück!

  3. Ihr könnt Markus übrigens auch verfolgen… @mojomatic…! Kleiner Tipp von @ballkultur…

  4. Danke, Markus, für Deinen Beitrag…!

    Zwei, drei Sachen fallen mir dazu ein.

    – Willst Du wirklich zwischen “intern” und “extern” unterscheiden…? Gerade die Sache mit dem “ich trinke meinen dritten Kaffee” – ist das intern, extern, beruflich, privat… Wie willst Du da die Trennungen ziehen?

    – Vielleicht alternativ zwischen dem Charakter und der Natur der Informationspartikelchen (vulgo: der tweets) unterscheiden: pathetische Kommunikation, zweckgebundene etc.

    – Was ist mit den Akteuren, mal handlungstheoretisch und mit Habermas gefragt? Betrachtest Du die Unternehmen als “Kollektivakteure”? Aber ist Twitter nicht gerade ein individuelles Medium, bei dem Menschen mit anderen Menschen direkt kommunizieren? Die normative Frage wäre also: Sollten Unternehmen überhaupt twittern (wie ja auch @wi2) – oder nicht besser Mitarbeiter des Unternehmens, für das Unternehmen? MIt einer menschlichen Stimme? Und braucht es nicht genau dafür doch den “dritten Kaffee”?

    – Beim “Unternehmen” würden mir auch konstruktivistische und systemtheoretische Begründungen einfallen… Hm… Aber das führt jetzt zu weit…

    Nur so Fragen… Viel Erfolg, weiter!

  5. Danke auch an Miriam für den Kommentar und die Links… Klasse! So haben wir alle etwas davon..!

  6. Hallo Gerald,

    ich glaub die Unterscheidung bezogen auf die Unternehmenskommunikation in “intern” und “extern” macht schon Sinn, da sich erheblich Unterschiede in der Anwendung ergeben – sieht man ja daran, dass sich Twitter kaum eignet für die interne Anwendung – Yammer oder communote sind Microblogging-Anbieter die extra für den internen Nutzen konzipiert wurden. Klar – man kann einzelne Tweets nicht in internen oder externen Nutzen unterscheiden, aber das gesamte “Twitter-Konzept” kann eben intern oder extern ausgerichtet sein (also entweder nur für Mitarbeiter sichtbar oder für die Öffentlichkeit sichtbar…).

    Die Frage nach den Akteuren ist eine sehr interessante – hab mich auch schon gefragt, ob es mehr Sinn macht als Unternehmen zu twittern oder als Person für das Unternehmen. Ich tendiere da zu zweiterem – einfach weils persönlicher wirkt. Da macht dann auch der “dritte Kaffee-Tweet” Sinn – ich will ja schließlich auch wissen wer diesen dritten Kaffee gerade trinkt 😉

    In Sachen dritter Kaffee-Tweet und pathetischer Kommunikation kann ich übrigens diesen Blogbeitrag von Michael Gross sehr empfehlen – spannende Gedanken! (http://werbeschaf.blogspot.com/2009/04/twitter-und-seine-versteckten.html)

  7. Hallo Markus Krüger,
    das klingt nach einer sehr interessanten Magisterarbeit. Wenn ich dabei helfen kann, würde es mich freuen. Einfach kurz per DM bei Twitter oder auch “klassisch” per Mail 🙂
    Gute Grüße,
    Stefan Keuchel

  8. Das freut mich sehr, vielen Dank. Ich werde auf jeden Fall darauf zurück kommen.

    Viele Grüße
    Markus Krüger

  9. Das hört sich ja alles schon mal sehr gut an. 🙂
    Hab eben noch einen Artikel gefunden, der spannend für dich sein könnte. Es geht um Projektmanagement und Twitter:
    http://www.humannetworkcompetence.de/2009/06/23/enterprise-microblogging-in-der-diskussion/

  10. Ja, der Artikel passt perfekt – vielen Dank 😉

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  2. wi²-Blog @ TU Braunschweig 1. März 2011 at 03:11